Die Comic-Welt in Berlin: Alle da beim Graphic Novel Day 2013

ATAK, Dominique Goblet, Aisha Franz im Gespräch mit Lars von Törne

ATAK, Dominique Goblet & Aisha Franz im Gespräch mit Lars von Törne

Elegant gehängt: Die Ausstellung Berliner Comic-Künstler

Elegant gehängt: Die Ausstellung Berliner Comic-Künstler

Der Graphic Novel Day am 8. September überzeugte mit einem großartigen Programm. Die Veranstaltung war Teil des Internationalen Literaturfestivals Berlin, und die Organisatoren hatten sehr umsichtig insgesamt vier Panels besetzt. Diskutiert wurde über Humor im Comic, über die Literaturadaption als Genre, über die Grenzen der Graphic-Novel-Kunst und über den künstlerischen Umgang mit der Realität im Werk.

Begleitet wurde der Tag durch eine ebenfalls sehenswerte, elegante Ausstellung mit viel Material von Berliner Comic-Künstlern, die Moderation aller Diskussionen übernahm der so sachkundige wie eloquente Lars von Thörne.

 

Internationales Literaturvestival: Gabi Beltrán (mit Übersetzerin, Ville Tietäväinen, Kati Rickenbach und Ulli Lust

Internationales Literaturvestival: Gabi Beltrán aus Spanien (mit Übersetzerin), der Finne Ville Tietäväinen, die Schweizerin Kati Rickenbach und die Österreicherin Ulli Lust

Ein Thema wurde auf allen Podien diskutiert: Ist die im Comic-Manifest geforderte Förderung der Comics richtig und sinnvoll, oder nicht. Die Meinungen dazu waren durchaus kontrovers. Mich hat besonders das großartige Projekt des Finnen Ville Tietäväinen beeindruckt (kommt im nächsten Jahr unter dem Titel »Unsichtbare Hände« auch auf deutsch): Die Graphic Novel beschreibt aus der Sicht eines nordafrikanischenn illegalen EU-Immigranten das Leben in der EU. Das sehr aufwändig recherchierte Buch wäre ohne staatliche Hilfe wohl nicht entstanden.

Etwas erfinden in einer autobiographischen Geschichte? Darf man das?

Im Rückblick: Etwas erfinden in einer autobiographischen Geschichte? Darf man das?

Autobiographie in der Graphic Novel – das Thema wird anders diskutiert als in der geschriebenen Literatur. Offenbar ist die Beschäftigung mit dem eigenen Leben nicht nur ein geeignetes Sujet für Graphic Novel-Autoren (vielleicht erleben sie mehr als andere Schriftsteller?), auch die Verarbeitung der Erinnerung in Bildern, die Auslassungen, die Komposition und die Erfindungen sind offensichtlich von einer eigenen Relevanz. Die Formel von Ulli Lust, Kati Rickenbach und Lars von Thörne: Man darf erfinden, wenn es dem Leser oder dem Stoff dient; nicht aber, um es sich selbst leicht zu machen.

Manuele Fior und seine treue Assistentin

Manuele Fior und seine treue Assistentin

Signiert wurde netterweise auch noch – die schönste Zeichnung des Tages erhielt ich von dem grandiosen Manuele Fior, der seiner Familie für ein paar Tage seine alte Wahlheimat zeigte.

Beeindruckend die Kollegialität, Entspanntheit und das Wohlwollen der Künstler, die ihr Publikum in Wort und Bild in einem anspruchsvollen Programm durch den Tag brachten.

Ignatz Awards 2013: 1 Award, 2 Nominierungen für Ulli Lust

Lust, Ulli :  Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens Gleich zwei Nominierungen zum diesjährigen Ignatz Award gibt es für Ulli Lust. Ulli Lust ist 1967 in Wien geboren, sie studierte von 1999–2004 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee; heute lebt und zeichnet sie Comics in Berlin.

Die englische Ausgabe von Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens ist nominiert als eine von fünf “Outstanding Graphic Novels” und Ulli Lust selbst als “Outstanding Artist”.
Der Ignatz Award ist einer der ganz großen Independent Preise.  Wir gratulieren Ulli Lust zur Nominierung und sind gespannt auf die Bekanntgabe der Preisträger am 14. September 2013.
Weitere Infos zum Preis und den Nominierungen gibt es hier:
http://www.spxpo.com/ignatz-awards-2013.

Für das autobiographische Comic-Epos Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens nahm sich Ulli Lust über vier Jahre Zeit. Die in Berlin lebende österreichische Zeichnerin Ulli Lust, bisher vor allem bekannt für ihre Comic-Reportagen (“Fashionvictims, Trendverächter”, avant-verlag) und erotisch-mythologischen Comics (“Airpussy”, L’employé du moi), legt damit die bislang umfangreichste deutschsprachige Comic-Erzählung vor.

Das 450-Seiten-starke Werk kostet 29.95 EUR und ist erschienen im Avant Verlag.

Update 15.9.2013
Ulli Lust bekommt den Ignatz Award 2013 in der Kategorie Outstanding Graphic Novel. Wir gratulieren von ganzem Herzen!
Mehr Infos und alle Preisträger hier:
http://www.spandexless.com/2013/09/congratulations-to-the-2013-ignatz-award-winners/

 

Graphic Novels aus Deutschland

Es tut sich was in der deutschsprachigen Graphic Novel-Szene. Auch wenn der Markt weiterhin von den französischsprachigen, anglo-amerikanischen und japanischern Zeichnern und Textern geprägt ist, macht es doch großen Spaß zu sehen, wie sich die hiesige Zeichnerlandschaft entwickelt.
Die zunehmende Zahl an Verlagen, die Graphic Novels publizieren, schafft vielleicht den notwendigen Platz – an der Klasse der Künstler ist ja schon länger kein Zweifel mehr.

Einer der Altmeister ist Matthias Schultheiss, der nach jahrzehntelanger Comic-Schaffenspause in den letzten Jahren gleich zwei große Werke vorgelegt hat: Viel Filmtechnik,  dazu Mystik, etwas Hippie, das alles in grandioser amerikanischer Landschaft.

Die Reise mit Bill

Henning Wagenbreth, Professor für Illustration und Grafikdesign in Berlin, ist in seinem technisch vielseitigen, dabei äußerst markanten und farbenfrohen Stil vielfältig prägend für die deutsche Comic-Landschaft.

Plastic Dog

Reinhard Kleist scheint am zielstrebigsten an einer internationalen Karriere zu arbeiten – seine Stoffe (Johnny Cash und Fidel Castro) sind tauglich für das ganz große Publikum.

Der Boxer

Isabel Kreitz hat hierzulande mittlerweile wohl alle Comic-Preise bekommen, die vergeben werden. Sie bearbeitet auf vielfältige Weise deutsche Geschichte(n) – ob in Biographien (z.B. über den Serienmörder Fritz Haarmann oder den Agenten Richard Sorge) oder in einer Nacherzählung der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Die Sache mit Sorge

Ganz eigene ästhetische Impulse setzt Birgit Weyhe: Ihre großen Werke Reigen und Im Himmel ist Jahrmarkt markieren eine ganz eigene, sehr literarische Position in der Graphic-Novel-Landschaft.

Reigen

Kitty Kahane hat als Buchillustratorin schon viele Titel mit ihrer Kunst ausgestattet – jetzt hat sie sich an einer Graphic Novel versucht: In 17. Juni. Die Geschichte von Eva und Armin erzählt sie die Geschichte des gescheiterten Aufstands.

17. Juni

Arne Jysch hat als Storyboarder viel Filmerfahrung in seine erste Graphic Novel miteingebracht. Wave and Smile thematisiert die Afghanistan-Mission der Deutschen Bundeswehr. Das Album wurde politisch diskutiert und für seine Detailtreue gelobt.

Wave and Smile

Einen ähnlichen Stoff bearbeiteten David Schraven und Vincent Burmeister in ihrer grafischen Reportage Kriegszeiten. Für das sehr gut recherchierte Buch sind die Autoren unter anderem für den Jungendliteraturpreis 2013 nominiert.

Kriegszeiten

Am ganz großen Stoff arbeitet sich seit Jahren Jens Harder ab: Sein Evolutions-Epos Alpha wurde erst in Frankreich verlegt, bevor es in 2010 in Deutschland erschien. Jetzt warten wir gespannt auf Beta.

Alpha

Ulli Lust gehört zu den höchstdekorierten Comic-Künstlerinnen in Deutschland. Nach dem autobiographischen Werk Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens folgte nun die großartige Literaturadaption von Marcel Beyer, Flughunde.

Flughunde, Graphic Novel

 

Unter den jüngeren Künstlern sorgt Simon Schwartz schon jetzt für Furore: Nach seinem autobiographischen Titel drüben! erschien im letzten Jahr mit Packeis eine richtig schöne satte Abenteuergeschichte.

Packeis

Ein starkes Debut kommt in diesem Jahr von Lukas Jüliger. Dessen Coming-of-Age-Story Vakuum trifft offenbar den Nerv auch des Hochfeuilletons.

Vakuum

Eine wundervoll illustrierte Graphic Diary legt jetzt Danielle de Picciotto vor – eine in Berlin lebende Musikerin, Autorin und Künstlerin. We are Gypsies Now erzählt von einer Reise ins Ungewisse.

We Are Gypsies Now

 

Wir wollen einige der genannten AutorInnen in den nächsten Wochen im Interview vorstellen und sind gespannt über deren Statements zu ihrem Werk, ihren Plänen und zur Graphic Novel-Landschaft.

Ulli Lust / Marcel Beyer. Flughunde

Flughunde, Graphic Novel

 

Seit dem Erscheinen seines ebenso brillanten wie erschütternden Romans »Flughunde« im Jahr 1995 gilt Marcel Beyer als »einer der besten jungen Romanciers der Gegenwart« (The New Yorker). »Flughunde«, mittlerweile in 14 Sprachen übersetzt, erzählt vom Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive eines fanatischen Akustikers im Dienste der Nazis und aus der Sicht einer der Töchter Goebbels’, erzählt von der Instrumentalisierung der Sprache durch die Propaganda und von Experimenten mit menschlichen Stimmen.

Ulli Lust, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Comic-Künstler und erst kürzlich mit dem Comic-Oscar, dem Prix Révélation, ausgezeichnet, legt hier Marcel Beyers verstörendes Meisterwerk als Graphic Novel vor.

Ein tolles Interview mit Ulli Lust über ihre Arbeit,  Joe Sacco und das “Erwachsenwerden” des Comic und der Graphic Novel erschien im Video bei ZAPP.

Nachtrag: In unserem Blog haben wir ein dreiteiliges Gespräch mit Ulli Lust dokumentiert – es geht um Flughunde, das Comic-Manifest und ihre Pläne.