»Der deutschsprachige Markt ist international wichtig, aber sicher noch entwicklungsfähig.« 15 Fragen an David Basler, Edition Moderne

foto_davidbaslerDavid Basler besucht etwas überraschend unser Unternehmen. Wir setzen uns zusammen in den Garten und sprechen über die Situation der Graphic Novel-Szene. Als einer der dienstältestens Grahic-Novel-Lektoren im deutschsprachigen Raum hat er schon einige Hypes in der Branche erlebt – und einige Flops beobachten können. Sehr lehrreich sind seine Ausführungen über die Letterer im deutschsprachigen Raum – er spricht mit großem Respekt vor den Kollegen, die diesen Job machen. Weil die deutsche Sprache mehr Worte macht als das Englische und Französische, braucht es für das Lettering eine besondere Kunstfertigkeit.

Im Interview, das wir anschließend per Mail führen, befragen wir ihn zu seinem Verlag und zu seinen Einschätzungen zur Position deutschsprachiger Autoren auf dem internationalen Markt.

Malet / Tardi: 120 Rue de la Gare1.) Den Verlag gibt es seit…?

1981

2.) Wie viele Mitarbeiter seid Ihr, wer macht das Programm?

Wir sind zwei Mitarbeiter, ich mache das Programm.

3.) Welche Kriterien habt Ihr für die Titelauswahl?

Der Titel muss uns gefallen.
Der Autor hat bereits bei uns veröffentlicht.
Die Edition Moderne war zuerst ein Fanprojekt. 10 Jahre lang hat jeder der 4 Gründer seine vorgeschlagenen Bücher selber bezahlt und dazu jährlich anteilmässig die Betriebskosten bezahlt.
Anfangs 90er Jahre haben sich dann die Comics als kommerziell erfolgreichstes Projekt durchgesetzt. In diesem Geiste werden heute noch die Titel ausgewählt: Es muss uns begeistern. Der Unterschied ist, dass wir heute als professionell geführter Betrieb nicht mehr alles machen können, was uns am Herzen liegt.

4.) Wie ist Euer Verhältnis Eigenproduktion / Lizenzübernahmen?

60% der Titel sind Lizenzen.

THomas Ott, R.I.P.5.) Exportiert Ihr Lizenzen, verkauft Ihr Eure Originalausgaben auch ins Ausland?

Ja, immer mehr.

Im Lizenzgeschäft ist Thomas Ott unser erfolgreichster Autor. Seine Bücher erscheinen in über 15 Sprachen. Obwohl Sprache ist nicht das richtige Wort, denn seine Geschichten sind stumm!
Aber mit seinen Horrorgeschichten in der speziellen Schabkartontechnik ist er global verständlich.

 

6.) Sagst Du ein paar Worte zur Entwicklung des deutschsprachigen Comics?

Die Akzeptanz der deutschsprachigen Titel ist durch die Einführung des Begriffes Graphic Novels markant gestiegen.

Satrapi, Marjane : Persepolis Gesamtausgabe7.) Wie wird der deutschsprachige Comic-Markt im Ausland eingeschätzt?

Ein wichtiger Markt, aber sicher noch entwicklungsfähig.

8.) Seit wann sprecht Ihr von Graphic Novels?

Seit 6 Jahren

9.) Ist die Entwicklung des Comic-/Graphic-Novel-Marktes gut für Euch?
Es gibt mehr Aufmerksamkeit für das Genre, aber auch mehr Wettbewerb…

Der Einstieg grosser, bekannter Verlag ist eine gute Sache und fördert die Bekanntheit des Genres.

10.) Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Partnerverlagen rund um die Domain graphicnovel.info entwickelt?

Mit Avant und Reprodukt pflege ich regelmässigen Kontakt, und wir haben auch gemeinsame Messeauftritte.

Joe Sacco: Palästina11.) Was wünscht Ihr Euch von einer Neugründung wie uns? Was fehlt Euch?

Ich wünsche mir, dass unsere Titel nicht nur unter Graphic Novels gelistet werden, sondern auch unter dem Thema. Zum Beispiel PALÄSTINA  von Joe Sacco unter dem politischen Sachbuch.

12.) Zurück zu Eurem Programm: Was waren Eure größten Erfolge?

Persepolis von Marjane Satrapi mit über 100’000 verkauften Exemplaren in den verschiedenen Editionen (TB, HC, Süddeutsche Edition).

13.) Was sind aktuelle Schwerpunkte?

Wir planen im Frühjahr 2014 einen Schwerpunkt zum 1. Weltkrieg. Jacques Tardi, einer unser wichtigsten Autoren, beschäftigt sich schon lange mit dem Thema. Dazu hat Joe Sacco ein einzigartiges Panoramabild zur Schlacht an der Somme geschaffen, dass wir gemeinsam mit dem französischen Verlag Futuropolis zweisprachig herausbringen.

14.) Kannst Du was über Eure Pläne sagen?

Wir werden weiter politisch engagierte Graphic Novels aus aller Welt veröffentlichen und dazu auch deutschsprachige Autoren fördern. Jacques Tardi, meiner Meinung nach der wichtigste zeitgenössische Graphic Novel Autor Frankreichs, will ich auch im deutschen Sprachraum über die Comic-Kreise hinaus bekannt machen.
Dazu wird im LCB in Berlin im Januar 2014  Jacques Tardi in einer Ausstellung vorgestellt.

Kugler, Olivier : Mit dem Elefantendoktor in Laos15.) Für welchen Titel / Autor wünscht Ihr Euch einen größeren Erfolg?

Für Olivier Kugler: Mit dem Elefantendoktor in Laos. Olivier Kugler ist ein herausragender Zeichner und macht Comicreportagen u. a. für The Guardian, The New York Times, The New Yorker und Die Süddeutsche.
Dies ist sein erstes Buch überhaupt! Wir sind von seinem Talent überzeugt und gespannt, wie er bei den Leserinnen und Leser ankommt.

 

Weitere Interviews in der Reihe führten wir mit Johann Ulrich, avant-Verlag und Peter Graf, Metrolit.

Ulli Lust / Marcel Beyer. Flughunde

Flughunde, Graphic Novel

 

Seit dem Erscheinen seines ebenso brillanten wie erschütternden Romans »Flughunde« im Jahr 1995 gilt Marcel Beyer als »einer der besten jungen Romanciers der Gegenwart« (The New Yorker). »Flughunde«, mittlerweile in 14 Sprachen übersetzt, erzählt vom Ende des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive eines fanatischen Akustikers im Dienste der Nazis und aus der Sicht einer der Töchter Goebbels’, erzählt von der Instrumentalisierung der Sprache durch die Propaganda und von Experimenten mit menschlichen Stimmen.

Ulli Lust, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Comic-Künstler und erst kürzlich mit dem Comic-Oscar, dem Prix Révélation, ausgezeichnet, legt hier Marcel Beyers verstörendes Meisterwerk als Graphic Novel vor.

Ein tolles Interview mit Ulli Lust über ihre Arbeit,  Joe Sacco und das “Erwachsenwerden” des Comic und der Graphic Novel erschien im Video bei ZAPP.

Nachtrag: In unserem Blog haben wir ein dreiteiliges Gespräch mit Ulli Lust dokumentiert – es geht um Flughunde, das Comic-Manifest und ihre Pläne.