Die Siebziger – Das Kultjahrzehnt ganz anders

Schlaghosen, Plastikmöbel und Discokugeln. So kennt man die Siebziger heute. Dass das Kultjahrzehnt mehr ist, als Hippies und Afrolocken, zeigen drei Graphic Novel–Neuerscheinungen aus diesem Frühjahr:

WizzywigBei Wizzywig befinden wir uns in den USA der 1970er Jahre. Computer sind nur etwas für Freaks und Fachleute. Doch Kevin Phenicle hat begriffen, welches Potential in der neuen Technologie steckt. Der hochbegabte Junge bringt sich selber Programmieren bei und findet heraus, wie man Datenbanken und Telefonsysteme manipulieren kann. Schon bald wird das F.B.I. auf ihn aufmerksam, und eine gnadenlose Hetzjagd auf den angeblichen Super-Hacker beginnt.Kevin wird im Fernsehen gebrandmarkt und zu einem gefährlichen Kriminellen abgestempelt,der die nationale Sicherheit bedroht.

Ed Piskor vermischt in seiner fiktiven Biographie Wizzywig die Lebensläufe mehrerer Hacker, die es tatsächlich gegeben hat. Ein cleverer Comiccocktail über die Frühphase der Personalcomputer und des Hackertums, gleichermaßen spannend, witzig und tragisch.

Wizzywig wird Anfang Mai bei Egmont Graphic Novel erscheinen. Der Preis liegt bei 19.99 EUR für 288 Seiten.

Hip Hop Family TreeDie Anfänge des Hip Hop sind das Thema Hip Hop Family Tree, das ebenfalls von Ed Piskor gezeichnet wurde. DJ Kool Herc, Grandmaster Flash und die Furious Five, oder Afrika Bambaataa und RUN-D.M.C waren die Taktgeber beim beispiellosen Siegeszug eines Musik- und Lebensstils, der im New York der späten 1970er Jahre in den Parks, Aufnahmestudios, Radiostationen und Clubs der South Bronx seinen Anfang nahm.

Eine spannend und ungemein kenntnisreich erzählte Kulturgeschichte aus der Frühzeit des Hip Hop, die im Mai bei Metrolit erscheinen und 22.99 EUR kosten wird.

 

AyaEnde der 1970er-Jahre: In der ivorischen Metropole Abidjan leben Aya und ihre zwei Freundinnen Adjoua und Bintou. Aya ist 19 Jahre alt, das Alter, in dem alles erreichbar scheint – vielleicht sogar ein Medizinstudium gegen den Willen des Vaters, der seine Tochter lieber heute als morgen verheiratet sähe. Während Aya von einer Zukunft als Ärztin träumt, schlagen sich Adjoua und Bintou die Nächte in den örtlichen Tanzbars um die Ohren und rauben ihrer Freundin mit ihren chaotischen Liebschaften den letzten Nerv…

Ob nun die Wahlen zur »Miss Stadtteil« vor der Tür stehen oder Ayas quirlige kleine Geschwister – von deren Existenz sie bisher nicht das Geringste geahnt hatte – in Marguerite Abouets und Clément Oubreries schwungvollem “Alltags-Dramolett ist alles möglich und nichts so, wie es scheint” (Süddeutsche Zeitung). Hinreißend komisch und voller Lebensfreude zeigt Aya ein Afrika fernab westlicher Klischees und lässt trotz der sich überschlagenden Ereignisse auch Raum für nachdenkliche Zwischentöne.

Aya aus dem Hause Reprodukt hat 360 farbige Seiten und kostet 39 EUR.

»Ein großer Wurf«, Andreas Platthaus, FAZ über Miguelanxo Prados »Ardalén«

© 2013 Miguelanxo Prado, Ardalén, Egmont Comic Collection

Andreas Platthaus stellt in seinem heutigen Artikel das neue Label von Ehapa vor, das sich ganz der Graphic Novel verschrieben hat. Zur letzten Graphic Novel unter der Ehapa Comic Collection von Miguelanxo Prado zieht er das Fazit: »Sollte Egmont Graphic Novel dort weitermachen, wo die Ehapa Comic Collection mit diesem Band jetzt noch einmal hingelangt ist, dann muss uns um die Zukunft dieser Reihe nicht bange sein.« Die ganze Rezension gibt es hier.

Diese erste Graphic Novel von Miguelanxo Prado beschäftigt sich mit dem persönlichen Erinnern. Dem Erinnern als Essenz unserer Existenz, als die Wahrnehmung unseres eigenen Lebens. Das mag sich philosophisch anhören, aber letztendlich handelt sie doch von einer Handvoll Menschen, die sich gegenseitig helfen oder verletzen, einige von ihnen verlieben sich ineinander, andere klammern sich an ihre Erinnerungen um deren Versiegen zu vermeiden. Wir sind, was wir erinnern. Aber die Erinnerung ist kein objektives und unveränderliches Register.

© 2013 Miguelanxo Prado, Ardalén, Egmont Comic Collection

Sabela versucht durch Fidels Erinnerungen eine Geschichte wieder zusammenzubauen, einen Teil ihrer eigenen Geschichte. Doch immer mehr Fäden und andere Personen und andere Erinnerungen verweben sich in diesen Versuch einer Rekonstruktion. Weil wir auch das sind, an was die anderen sich erinnern.

Und in diesen Erinnerungen gibt es Liebe und Zuwendung, Ablehnung und Hass. Deshalb ist das Erinnern nicht harmlos. Doch wer sich nicht erinnert, lebt nicht. Durch die faszinierende, kreidestrichartige Maltechnik Prados und ergänzt durch vereinzelte Landkarten, Notizzettel, Buch-Auszüge oder offizielle Dokumente ist die Geschichte trotz des Anspruchs eine leicht zu lesende und gut verständliche, großartige Graphic Novel.

Miguelanxo Prados Ardalén ist erschienen bei Egmont Comic Collection und kostet 29.99 EUR.

Graphic Novel-Verlage aus Deutschland

Die deutschsprachige Comic-Verlags-Landschaft ist erfreulich breit ausgelegt. Neben etablierten Comic-Fach-Verlagen erscheinen mehr und mehr Graphic Novels in den klassischen Buchverlagen, manchmal als Titel innerhalb des literarischen Programms, zunehmend aber auch als eigene Reihen oder Imprints.

Neben Carlsen und Ehapa, die bereits seit den 60er Jahren Deutschland mit Asterix, Micky Maus, Tim & Struppi und Lucky Luke versorgen, ist der dritte dicke Fisch auf dem Markt Panini, seitdem sie vor gut 10 Jahren den Dino Verlag kauften. Obwohl alle drei einen Großteil ihres Geschäfts mit Serien machen – in den letzten Jahren natürlich auch mit Mangas – , erscheinen bei ihnen aber auch relevante Einzelwerke. Egmont Ehapa hat zur besseren Präsentation jetzt das Label Egmont Graphic Novel gegründet.

Bei Martin, George R. R. ;  Patterson, Tommy ;  Abraham, Daniel  :  Game of Thrones - Das Lied von Eis und FeuerCarlsen erscheinen viele der großen französischen Autoren, aber auch Reinhard Kleist und Jiro Taniguchi, bei Panini kommen unter anderem die Watchmen-Titel von Alan Moore und George R. R. Martins Game of Thrones.

Seit den 80er Jahren wurden dann einige bis heute sehr relevante Comic Independent Verlage gegründet, die bis heute mit starken Autoren und Titeln aufwarten.

 

 

Der älteste Satrapi, Marjane : Persepolis Gesamtausgabeder Independents ist wohl die Edition Moderne aus Zürich, die seit den frühen 80er Jahren Comics und Graphic Novels verlegen, unter anderem José Antonio Muñoz, Jacques Tardi und – ein Riesenerfolg – Persepolis von von Marjane Satrapi.

Herausragend der Reprodukt Verlag aus Berlin, der im Jahr 20 – 25 Titel herausgibt – dort wurden viele deutschsprachige Künslter entdeckt, aber auch internationale Top-Titel wie die Blast-Serie von Manu Larcenet oder Chris Wares Jimmy Corrigan.

 

Kverneland, Steffen  :  Munch

Ebenfalls aus Berlin kommen die KollegInnen vom Avant-Verlag, die unter anderem hochkarätige Künstlerbiographien publizieren – zuletzt eine Schwitters- und eine Munch-Biographie.

2001 wurde Cross Cult gegründet – wo ebenfalls u.a. Titel von Alan Moore sowie von Frank Miller erscheinen.

2009 wurde in der Schweiz Walde + Graf gegründet. Das Label brachte schöne Titel, u.a. Die Monkey Wrench Gang mit Illustrationen von Robert Crumb, und wird nun als Imprint im Programm des jungen Berliner Verlags Metrolit fortgeführt.

Knesebeck in München verlegt insbesondere Graphic-Novel-Biographien und Literatur-Adaptionen. Herauszuheben ist das große Proust-Projekt von Stéphane Heuet.

Viele Titel der genannten Verlage sind in den letzten zwei Jahren in 3 großen Staffeln des Buchverlags der Süddeutschen Zeitung erschienen.

Süddeutsche Zeitung Bibliothek Graphic Novels Krimi 8 Bände im Paket

Wir möchten einige der Macher in den Labels in den nächsten Wochen über ihre Unternehmen, ihre Pläne und ihren Blick auf den Graphic Novel-Markt interviewen.