»Wir probieren Bücher zu etablieren, die den Genrebegriff erweitern.« 9 Fragen an Peter Graf, Metrolit

Peter GrafIn unserer Reihe mit Verleger-Gesprächen sprechen wir heute mit Peter Graf, Metrolit.

Peter Graf erwische ich telefonisch in Zürich. Seitdem er seinen Verlag Walde + Graf als Imprint in die Berliner Verlagsneugründung Metrolit miteingebracht hat, pendelt er zwischen diesen beiden Hochburgen des Graphic Novel. So kosmopolit wie die beiden Städte ist auch das Graphic Novel-Programm, das er für Metrolit verantwortet.

1.) Metrolit gibt es seit dem Frühjahr. Wie war der Start?

MetrolitBei einer vergleichsweise großen Neugründung wie der unsrigen – wir sind mit 18 Titeln gestartet – sind die damit verbundenen Ziele nicht innerhalb weniger Monate zu erreichen. Und obwohl wir noch nicht in Gänze absehen können, welche unserer Entscheidungen richtig sind, welche korrigiert werden müssen, lässt sich sagen, dass unser Start sehr gut gewesen ist.
Die Resonanz auf unsere Bücher ist erfreulich, und wir haben es innerhalb kurzer Zeit geschafft, den Verlagsnamen und das Programm so zu kommunizieren, dass es als relevant und erfrischend anders wahrgenommen wird. Trotzdem wissen wir, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben, um unseren Verlag zu konsolidieren und langfristig zu einer festen Größe im Buchhandel zu machen.
Aber schon jetzt, mit dem zweiten Programm, scheinen sich einzelne Titel hervorragend zu entwickeln und auch kommerziell erfolgreich zu sein. Der Roman Blutsbrüder – Ein Berliner Cliquenroman von Ernst Haffner beispielsweise, eine Wiederentdeckung, die im Vorfeld für viel Furore sorgt, und schon vor der Auslieferung in die zweite Auflage geht.

2.) Wie habt Ihr das Programm von Walde + Graf integriert?

David Rees: Die Kunst einen Bleistift zu spitzenWALDE + GRAF ist faktisch ein Label von Metrolit. Ich programmiere dort jährlich ca. 12 Titel: Graphic Novels, illustrierte Romane und Bücher wie Die Kunst einen Bleistift zu spitzen von David Rees, ein originelles und sehr unkonventionelles Sachbuch, das unseren Anspruch unterstreicht, besondere Bücher zu machen, die inhaltlich und formal eigenständig sind.
Das gilt aber für das gesamte Metrolit-Programm und womöglich ist es für die Buchhändler, für die Leser und die Rezeption gar nicht so relevant, ob ein Buch nun von WALDE + GRAF oder von Metrolit ist. Denn programmatisch sind die Grenzen oft fließend. Meine Kollegen und ich haben sehr ähnliche Vorstellungen und gemeinsam arbeiten wir an dem Ziel, Metrolit zu einer Erfolgsgeschichte zu machen. Dabei hilft der gute Ruf, den WALDE + GRAF sich in den zurückliegenden Jahren erarbeiten konnte.

3.) Wie viele Mitarbeiter seid Ihr, wer macht das Programm?

Lars Birken-Bertsch ist für das Marketing verantwortlich, Marie Claire Lukas für die Pressearbeit, unsere Volontärin, Karin Sauerwald, betreut insbesondere den Bereich Social Media. Das Programm verantworten Bärbel Brands (internationale und deutschsprachige Literatur) und Thorsten Schulte (Sachbuch). Last but not least gehört Tom Erben zu unserem Team. Er bringt als Geschäftsführer seine Erfahrungen ein, hält Kurs und steuert uns durch das mitunter schwierige Fahrwasser einer nicht ganz einfachen Branche.

4.) Welche Kriterien habt Ihr für die Titelauswahl im Bereich Graphic Novel? Wie positioniert Ihr euch auf dem Markt, in dem es hervorragende alteingesessene Labels sowie eine zunehmende Zahl von Graphic Novel-Einzeltiteln bei den klassischen Literaturverlagen gibt?

Helmut Wietz: Der Tod von AdornoMit Reprodukt, Avant, der Edition Moderne und dem sehr viel größeren Carlsen Verlag usw. gibt es erfahrene und hervorragende Mitbewerber, die über viele Jahre ihre Programme entwickelt haben. Dasselbe zu tun wie sie, wäre wenig sinnvoll.

Wir probieren Bücher zu etablieren, die den Genrebegriff erweitern. Der Tod von Adorno oder We are Gypsies now sind Beispiele dafür. Beides sind keine klassischen Comics oder Graphic Novels. Letzteres ist ein gezeichnetes und Illustriertes Tagebuch, Helmut Wietz hat mit Der Tod von Adorno ein Buch geschaffen, das sich aus dem Zitatenschatz der Superheldencomics und der Pop Art bedient und sich ansonsten um die Lesegewohnheiten von Comic-Lesern wenig schert. Er hat vor über vierzig Jahren mit der Arbeit an dem Buch begonnen und es erst jetzt fertig gestellt. Ein unkonventionell erzähltes Stück Deutscher Geschichte, das kontrovers  besprochen worden ist. Es gab euphorische Besprechungen und Verrisse. Der Titel hat die Gemüter also bewegt.
Außerdem mag ich Geschichten, die ein Thema aufgreifen, das sich möglichst breit kommunizieren lässt. Chester Browns Ich bezahle für Sex oder Mein Freund Dahmer von Derf Backderf sind Bücher, mit denen wir in der Presse auf große Resonanz gestoßen sind. Sie wurden im Feuilleton ebenso besprochen wie in Magazinen wie „Der Spiegel“ oder im Radio. Ich bezahle für Sex war Thema bei „Menschen bei Maischberger“, und unser Comic zum 17. Juni 1953 von Kitty Kahane hat es sogar in die Hauptsendung der „Tagesschau“ geschafft.

5.) Ihr werdet Euch den hiesigen Comic-Markt angesehen haben. Sagt Ihr ein paar Worte zur Entwicklung des deutschsprachigen Comics?

Wir haben im laufenden Programm drei deutschsprachige Comics publiziert, aber wir sind weit entfernt davon, uns in diesem Segment etabliert zu haben. Uns fehlen auch die Erfahrungen, auf die die Kollegen der anderen Verlage zurückgreifen können. Sicher ist es aber so, dass es zahlreiche Künstler gibt, die sich etabliert haben, und es sind im laufe der Jahre viele neue Themen und Stile hinzugekommen: Der deutschsprachige Comic ist vielfältiger und eigenständiger geworden.  Das ist spannend und schafft Möglichkeiten. Allerdings steht das mediale Interesse, das überdurchschnittlich ist, in einem gewissen Missverhältnis zu den tatsächlichen Verkäufen. Der Buchreport hat beispielsweise im Juli die aktuelle Bestsellerliste für Graphic Novels veröffentlicht. Unsere Titel lagen auf Platz 1, 5 und 8. Wäre das die Spiegel-Bestsellerliste, wären wir saniert. So ist es mehr ein Zeichen dafür, dass die eigene Arbeit sowie die Auswahl der Titel, richtig ist. Aber hinsichtlich der Verkaufszahlen ist da noch Luft nach oben.

6.) Wie wird der deutschsprachige Comic-Markt im Ausland eingeschätzt? Welche Erfahrungen habt Ihr bei Euren Lizenzgesprächen gemacht?

Diese Frage kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten. Es gibt im Ausland Interesse an einer unserer Graphic Novels. Wir freuen uns, wenn wir eine Lizenz vergeben können, aber empirisch Buchstabiert sich anders, uns fehlen da die Erfahrungen.

7.) Was werden Eure Spitzentitel im Herbst? Kann man schon was sehen?

Bell, Gabrielle  :  Der VoyeurDer Voyeur von Gabrielle Bell, der Titel erscheint im September, ist ein Abbild der Generation 30+. Schonungslos und humorvoll fügt Gabrielle Bell aus unterschiedlichsten Episoden ein Bild unserer Zeit zusammen, indem sie aus ihrem Leben und dem ihrer Freunde erzählt. Als Leser gibt man sich dem Kitzel, als Voyeur am Schicksal anderer teilzunehmen, nur allzu gern hin. Aber Vorsicht: Die Kunst Bells besteht darin, dass jeder Blick durchs Schlüsselloch eher dem in den eigenen Spiegel gleicht. Und so fühlen sich alle ertappt und gleichzeitig erleichtert. Chris Ware und Art Spiegelman haben das Buch sehr positiv aufgenommen.
Ware sagt: »Der Voyeur ist das Werk einer reifen Autorin, Bell die wohl aufrichtigste Erzählerin ihrer Generation. Ich liebe dieses Buch.« Spiegelman hält es derzeit für eines der besten autobiographischen Comics.

Vance, James ;  Burr, Dan E. :  Auf dem DrahtseilSoeben ist Auf dem Drahtseil von James Vance und Dan E. Burr erschienen.
Auf dem Drahtseil erzählt die Geschichte des jungen Fred Bloch, der als Assistent des Entfesselungskünstlers Gordon Corey arbeitet. Corey ist die Hauptattraktion eines großen Wanderzirkus, der durch die USA tourt. Aber der Held hat viele dunkle Seiten. Alkoholmissbrauch, Selbstzweifel und die Geister der Vergangenheit holen ihn ein. Bloch steht ihm bei so gut es geht, aber auch er trägt ein Geheimnis mit sich, das sein Leben zerstören kann. Er sympathisiert mit den Kommunisten und gerät in kriminelle Kreise. Auf dem Drahtseil ist ein episch erzähltes Drama, das in kunstvoll gezeichneten Schwarzweiß-Bildern und sehr virtuos die gesamte Bandbreite narrativen Erzählens auslotet. Für ihr letztes Buch Kings of Disguise erhielten James Vance und Dan E. Burr den renommierten »Eisner-Award«. Es wurde vom Guardian zu einem der 10 wichtigsten Comic-Publikationen aller Zeiten gewählt. Und auch Auf dem Drahtseil wird von der US-amerikanischen Presse gefeiert. „Das Werk erschafft eine Geschichte epischen Ausmaßes, die es sogar mit so manchem Literatur-Klassiker aufnehmen kann“, schreibt Zuckerkick.

8.) Kannst Du was über Eure Pläne sagen?

Wir werden probieren, die hier beschriebenen Programmbereiche auszubauen und den Bereich Graphic Novel zu einem festen Bestandteil unseres Programms zu machen. Wir planen wie gehabt mit ca. vier bis sechs Titel jährlich. Kontinuität und Originalität sind uns da wichtiger als das Programm auszuweiten.

9.) Welche Wünsche an einen Online-Shop wie Novel Graph habt Ihr?

Für uns ist es wichtig, dass der Handel unsere Bücher weiterempfiehlt. Ich sehe bei einem Shop, so wie ihr ihn denkt, die Chance, dass Leser und Handel wieder direkter miteinander in Kontakt treten. Ihr baut eine Plattform auf, die ein von euch favorisiertes Sortiment vorstellt, ihr sprecht Empfehlungen aus, bietet unseren Büchern, sofern sie euch gefallen, eine Öffentlichkeit, die über die reine Präsenz oder Verfügbarkeit hinausgeht. Das ist eine Form der unabhängigen Vermittlung, die sehr wesentlich ist. Wir können immer behaupten, dass unsere Bücher gut und wichtig sind, glaubwürdiger ist die Meinung und das Engagement Dritter. Sollte es also irgendwann so sein, dass dem comic-interessierten Publikum eure Seite als Referenz dient, wenn es darum geht, sich über Comics zu informieren und die Bücher über euch zu beziehen, wäre das eine Entwicklung, die allen gut tut. Die Möglichkeiten, Titel Online zu inszenieren sind fantastisch, und diese Form kommt dem Genre auch sehr entgegen, denn komplexe Bildinhalte lassen sich auf einer Vorschauseite einfach nicht darstellen. Insofern wünsche ich mir Präsentationsformen, die neue Wege gehen und innovativ die reine Shopfunktion mit der Vermittlung von Inhalten kombiniert.

Mehr Informationen über den Verlag und viel Hintergrund zum schönen Programm gibt es auf der Webseite: www.metrolit.de.

Weitere Interviews in der Reihe führten bislang wir mit Johann Ulrich, avant-Verlag und David Basler, Edition Moderne.

James Vance / Dan E. Burr: Auf dem Drahtseil

Vance, James ;  Burr, Dan E.  :  Auf dem Drahtseil

Die Eisner-Award-Preisträger James Vance und Dan E. Burr liefern eine herausragende Arbeit über die USA während der Zeit der Großen Depression:

Das Elend herrscht – aber trotzdem: the show must go on. Gordon Corey ist die Attraktion eines großen Wanderzirkus, der durch die ärmlichen Weiten des amerikanischen Hinterlandes tourt. Corey ist Entfesslungskünstler, verschafft dem Publikum eine kleine, prickelnde Auszeit vom täglichen Überlebenskampf. »Auf dem Drahtseil« erzählt die Geschichte des jungen Fred Bloch, der als Assistent von Corey arbeitet. Bloch verehrt den Artisten, weiß aber auch um dessen dunkle Seiten: Alkoholmissbrauch, Selbstzweifel, Kriminalität.

Parallelen zur Gegenwart sind sicherlich kein Zufall.

Auf dem Drahtseil

 

Der von Egbert Hörmann übersetzte Band erzählt die Geschichte auf 250 s/w-Seiten – schon jetzt ein weiterer Klassiker der amerikanischen Literaturgeschichte.

James Vance

James Vance wurde 1953 geboren. Er arbeitet als Comicbuch-Autor, Schriftsteller und Drehbuchautor. Viele seiner Arbeiten wurden ausgezeichnet.

Dan E. Burr

Dan E. Burr wurde 1951 geboren. Er arbeitete an verschiedenen Comicbuchprojekten und eigenen Publikationen, darunter die legendären Greatful Dead Comix und Serien für Graphic Classics.

 

Mehr zum Hintergrund der Novel gibt es im Online-Magazin von Metrolit.