»Film ist so gefangen in der Realitätsnachahmung. Die Zeichnung gar nicht.« Ulli Lust im Gespräch mit Novel Graph, Teil 2

Käufer- oder Anbietermarkt

Im Graphic Novel-Bereich haben die deutschsprachigen Künstler international im Moment einen deutlich stärkeren Stand als bei den geschriebenen Büchern.

Es gibt auf jeden Fall einige Künstler, die internationale Lizenzen bekommen. Deutsche Zeichner, die hier nicht gedruckt werden, werden in Frankreich gedruckt. Der Markt ist extrem aufgebrochen.

Haben wir hierzulande auch einen Käufermarkt, oder nur einen Anbietermarkt?

Ich bin gespannt. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich die Massen anziehe. Andererseits: Die Medien helfen mir.

Das was Du machst, ist dafür länger haltbar. Die Titel haben eine längere Laufzeit.

Ja, das kann sein.

Suhrkamp

Und Suhrkamp? Wie siehst Du die aktuellen Nachrichten?

suhrkamp

»Ich mag den Suhrkamp-Verlag unheimlich gerne. Die haben sich wirklich im Interesse der Autoren benommen.«

Ich betrachte die Entwicklung sehr locker. Ich habe ja sonst nur mit Kleinverlagen zu tun, deren Existenz am Leben eines einzigen Verlegers hängt: Wenn der einen Herzinfarkt bekommt, ist der Verlag tot.

Wird denn Suhrkamp ein Graphic Novel-Verlag?

Warten wir das mal ab. Sie sind auf jeden Fall gut gestartet. Sie haben es angemessen gemacht. Wir werden sehen, wie es weitergeht.

Suhrkamp ist nicht der Verlag, der Sachen anfängt und gleich wieder sein lässt.

Ich mag den Verlag unheimlich gerne. Die haben sich wirklich im Interesse der Autoren benommen. Sie sind tatsächlich ein Autorenverlag – was fast surreal erscheint bei dieser Größe. Da hab ich schon Glück gehabt.

Es ist toll, dass sich die Verlagslandschaft so entwickelt hat.

Den Stoff organisieren

Jetzt hast Du zwei große Arbeiten geschafft. Wie organisierst Du das viele Material?

Vorher sage ich immer, es werden 250 Seiten. Dann lasse ich dem Comic den Platz, den es braucht. Jetzt sind es 360 und 460 Seiten. Mit den 250 komme ich meistens nicht durch. Aber ich mag dicke Bücher: 250 sind das Minimum, das ich anstrebe. Das klassische Album-Format ist mir viel zu dünn.

Und entwickelst Du die von vorne nach hinten?

Ja, immer. Ich arbeite immer von vorne nach hinten und dann fange ich wieder von vorne an. Ich glaube, es ist ganz wichtig für den Fluss der Geschichte, dass man die Linearität einhält.

Zuerst habe ich mir natürlich die Szenen aufgeschrieben, die unbedingt wichtig sind, dann unterstreiche ich die Texte, die ich unbedingt übernehmen möchte, dann habe ich ein Buch, in dem alles blau und rot unterstrichen ist – das eine ist Text, das andere Bild.

Ich habe ein grobes Konzept, was wann wie aufeinanderfolgt, und während des Arbeitens entdeckt man dann ganz viele Dinge – was funktioniert und was nicht. Ich arbeite mich immer vom Allgemeinen zum Speziellen. Ich habe zunächst eher unspektakuläre Ideen, und dann versuche ich, es immer mehr zu spannen und zu stärken. Es gibt ja Menschen, die haben am Anfang die coolen Ideen, und je länger sie dann dransitzen, desto mehr reibt es sich ab. Bei mir ist es genau umgekehrt. Ich fange es einfach an, und dann wird es immer ausdifferenziert, je länger ich daran arbeite.

Film oder Kunst?

Es fällt auf, wie viele Bildtechniken, Bildideen im Buch stecken, die nur entstehen, wenn man am Ende noch mal zuspitzt. Was steckt denn mehr drin in Deinen Flughunden – Film oder Kunst?

Ulli_Lust_LP_Flughunde

»Ich kann ja die Perspektive total kippen und der Leser weiß immer noch ganz genau, was gemeint ist.«

Kunst. Film ist so gefangen in der Realitätsnachahmung. Die Zeichnung gar nicht, und das begreife ich als die Stärke des Comics: Diese Vermischung aus Quasi-Realitätsnachahmung und Zeichenhaftigkeit. Ich kann ja die Perspektive total kippen und der Leser weiß immer noch ganz genau, was gemeint ist. Ich versuche immer, das zu zeichnen, was für die jeweilige Szene am allerwichtigsten ist. Das Spannende ist, dass man die vertraute Realität nicht nachbilden, sondern nur wiedererkennbar machen muss. Es muss nur noch die Idee von Weite oder Enge da sein, es muss nicht stimmen. Dadurch kriegt man sehr schöne Bildfindungen.

Nach dem Film zu gehen ist gefährlich. Ich könnte keine Kamerafahrt machen. Das sieht blöd aus. Deshalb ist es besser, den Film nicht als Vorlage zu verwenden.

Aber würde es den Film nicht geben, könnte man vieles nicht so zeichnen, oder?

Ein interessanter Aspekt ist vielleicht, dass sich Comic und Film gleichzeitig entwickelt haben. Ich glaube, die Mechanik des Films und des Comic haben sich parallel entwickelt. Aber der Comic ist nicht einfach ein gezeichneter Film. Er hat sich in eine eigene Richtung entwickelt. Aber natürlich: Die Idee, dass man einen Zeitabschnitt sequenziert in diesen Kästchen – das ist kein Zufall. Es hat mit der Erkenntnis zu tun, dass es so gut funktioniert.

Menschen, die nicht als Jugendliche Comics lesen gelernt haben, sind heute oft noch Comic-Analphabeten. Sie begreifen nicht, dass man diese Bilder einfach nacheinander liest und dechiffriert wie einen Text.

Einflüsse

Kannst Du etwas sagen über die Künstler, die Dich beeinflussen?

from hell

»Ich bin ein Riesenfan von dem Buch From Hell von Alan Moore und Eddie Campbell.«

Puh, meine Güte – ich habe ein paar Vorlieben. Ich bin ein Riesenfan von dem Buch From Hell von Alan Moore und Eddie Campbell. Ich habe das Buch zu einem Zeitpunkt gelesen, als mir noch nicht klar war, wie breit das Spektrum des Comics mittlerweile geworden ist. Ich war eher literatursozialisiert, denn in Österreich gab es überhaupt keine Comicszene.
Ich habe mir manchmal erotische Comics in der Bibliothek ausgeborgt, mehr gab es dort nicht.

In Berlin hatte ich dann richtige Comic-Cracks als Kommilitonen, und ein Freund hat mir From Hell hingelegt, als Heftchenreihe auf Englisch, und ich hab’s verschlungen. Ich war fasziniert von diesem historischen Text – es ging um Jack the Ripper. Die Lebenswelt dieser Frauen in dem Viertel war so wahnsinnig echt beschrieben, das war es, was mich angesprochen hat. Im Nachhinein weiß ich, dass es die Zeichnungen waren. Eddie Campbell hatte sich vorgenommen, gegen die Comictradition des extrem ausdrucksstarken übertriebenen Gestus ganz zurückgenommene lakonische Zeichnungen zu verwenden. Er wollte nicht dieses übertrieben Extrovertierte haben, von dem man klischeemäßig meint, dass es comichaft wäre. Er hat sehr nüchtern erzählt, das hat die Geschichte noch viel intensiver gemacht. Gerade dieses ruhige und zurückgenommene und einfache Layout und Raster hat einen Sog bewirkt, der mich echt mitgerissen hat. Ich habe diese Layout-Raster dann auch bei Heute ist der letzte Tag… verwendet – ein Neuner-Raster.

Grundsätzlich bin ich beeinflusst von einem unaufgeregten Comicerzählen, wie es auch die amerikanischen Independents machen. Ich mag auch sehr gerne Independent-Mangas, die gibt es auch in Japan, wo eben nicht ständig die Augen weit aufgerissen werden und man nicht die Glanzstellen von hunderttausend Pupillen sieht.

Die deutschsprachigen Comickünstler scheinen generell etwas unaufgeregter.

Genau: Damit erreicht man etwas anderes. Sie sind nicht auf die Überwältigung des Lesers aus.

Teil 3 und Schluss des Gesprächs:
»Ich muss bei dem neuen Buch sehr mutig sein.«

Teil 1 des Gesprächs:
»Es muss einen Sinn haben, ein Buch zu adaptieren.«

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