»Es muss einen Sinn haben, ein Buch zu adaptieren.« Ulli Lust im Gespräch mit Novel Graph. Teil 1

ullilustUlli Lust ist eine der renommiertesten deutschen Comic-Autorinnen. Ihre Bücher finden auch international große Beachtung – sie wird in viele Sprachen übersetzt.
Sie besucht uns an einem Dienstag-Nachmittag für ein Gespräch, bei dem sie zugleich liebevoll einen großen Stapel zweier ihrer Bücher signiert. Sie bringt viel Zeit mit und erlaubt uns, das Gespräch aufzuzeichnen. Es dauert zwei Stunden und wird ein toller Gang durch durch die Arbeit und das Leben der Autorin. Sie lacht viel und sprüht vor Energie.
Das Gespräch führten René Kohl und Inga Wurzbach für Novel Graph.

Comic-Manifest

Ulli Lust, Du hast am Montag im Rahmen der Berliner Literaturwochen das Comic Manifest vorgetragen. Darin fordern zahlreiche namhafte Comic-Zeichner, Verleger, Autoren und sonstige Kulturschaffende die Anerkennung des Comic als Kunst. Ihr fordert eine staatliche oder private finanzielle Förderung und eine Comic-Professur.
Wie war denn die Resonanz auf das Comic-Manifest?

Es ist erstaunlich wahrgenommen worden, es waren ziemlich viele Leute da, auch viele Journalisten. Ich habe z.B. mit dem Deutschlandradio gesprochen und der »Welt« – im Moment bin ich so was wie die Stimme des Manifests, obwohl ich es nur vorlesen durfte… Es ist mir etwas peinlich.

Es gibt eben viel Anerkennung aber auch einige, die sich über das Manifest aufregen müssen und es würdelos finden, wenn Comic-Leute Kulturförderung brauchen.

Von der Arbeit leben

Kannst Du von Deiner Arbeit leben?

Also, ich kann jetzt davon leben, aber es ist sehr kurzfristig und nur, weil ich nicht viel brauche.

Machen sich denn die Erträge aus den Lizenzen bemerkbar?

So langsam. Aber eigentlich verdiene ich eher an den Workshops und Vorträgen. Ich werde jetzt auch in Hannover als Professorin für Zeichnung anfangen, weil ich mich nicht darauf verlassen kann, dass meine Bücher mir meinen Lebensunterhalt dauerhaft verdienen.

Du hast zwei große Sachen in drei Jahren gemacht…

Genau, für Flughunde habe ich zwei Jahre gebraucht, und mein erstes großes Buch, Heute ist der letzte Tag vom Rest meines Lebens, hat vier Jahre gedauert. Das war ein Problem, die Arbeit vorzufinanzieren. Das ging nur mit staatlicher Unterstützung. Ich hatte ein Meisterschülerstipendium von den Hochschulen in Berlin für die Realisierung eines Comics. Und dann habe ich noch 2 Jahre Hartz IV gekriegt. Und das werde ich den Leuten an den Kopf werfen, die sich darüber aufregen, dass man als Comic-Künstler keine Staatsgelder bekommen darf. Das sind so achtziger Jahre-Recken, die denken, alles was Staat ist, ist böse.

Flughunde

Warum hast Du das Buch Flughunde gemacht – der Titel von Marcel Beyer ist ja nicht mehr ganz neu. Wieso hast Du Dir den Stoff ausgesucht – Du hattest ja freie Auswahl?

flughunde original

»Ich fand die Sprache spannend, dieses unglaublich Düstere, Atmosphärische. Das Buch ist gestalterisch eine extrem gute Vorlage.«

Ich bin in die Buchhandlungen gegangen und habe mir alles geschnappt, was von Suhrkamp war. Ich hatte zwei Parameter: Es sollte in Berlin oder Österreich spielen, also in einer Landschaft, die ich kenne, einer Gegend, zu der ich Recherchen betreiben kann, und ich wollte eine weibliche Hauptfigur. Leider war Suhrkamp damals noch in Frankfurt und ich konnte nicht auf das Verlagsarchiv zugreifen. Da heißt, ich war ganz viel in Antiquariaten, und es fielen ganz viele zeitgenössische Stoffe raus. Und es war schwer, eine weibliche Hauptfigur zu finden, die kein totales Opfer ist. In der gesamten Literatur, die vor 1945 stattfindet, sind die Frauen bis auf wenige Ausnahmen immer irgendwie wahnsinnig gehandicapt und leiden an der Gesellschaft. Die Helga Goebbels ist zwar auch irgendwie ein Opfer, aber sie wusste es noch nicht; egal – ich habe dann kapituliert vor dieser Opfer-Problematik.

Marcel Beyer hat es gut hinbekommen mit der Helga Goebbels. Ich fand die Sprache spannend, dieses unglaublich Düstere, Atmosphärische. Das ist gestalterisch eine extrem gute Vorlage. Der Zweite Weltkrieg ist mit auch vertraut – ich habe sehr viel für andere Projekte zu dem Thema recherchiert. Ich habe nur etwa ein halbes Jahr gezögert, ob ich mir den Stoff antun will.

Du verbringst mit dem Stoff zwei Jahre… Und es ist ja eine innerliche Beschäftigung, Du musst Dir die Bilder erst mal selber machen.

Ja, ich habe ca. ein Jahr im Bunker zugebracht. Es ist furchtbar und schrecklich und niederdrückend. Aber wenn ein Stoff eine sehr starke Atmosphäre liefert, ist es künstlerisch attraktiv. Ich bin gespalten, einerseits gefällt mir die Stimmung nicht, in die mich hineinbegeben muss, anderseits freut es mein Autorenherz, dass es so richtig dramatisch zugeht.

Was mir an den Flughunden gefällt: Ich mag gerne dokumentarische und historische Stoffe – auch wenn es mit dem Zweiten Weltkrieg mittlerweile etwas problematisch ist, weil es so extrem codierte Bilder gibt durch diese ganzen Dokumentationen usw. Bei Marcel Beyer fand ich wahnsinnig faszinierend, dass er das Thema auf so eine surreale Bühne gehoben hat. Natürlich ist es der Zweite Weltkrieg, und es gibt diese konkreten Figuren, aber andererseits ist es ein eigenartiges Paralleluniversum. Es könnte genauso gut ein absurdes Theaterstück von Eugène Ionesco sein. Und weil ich so eine ganz starke Vorstellung entwickelt hatte, wie ich es machen würde, habe ich zugesagt.

Ich fand kein anderes Buch, beim dem ich mir so sicher war, dass etwas Gutes herauskommen würde. Es muss ja auch einen Sinn haben, ein Buch zu adaptieren. Ich muss dem geschriebenen Werk etwas Neues hinzufügen können. Ich mach nicht nur die Kurzversion…

Es sieht auch nicht wie die Kurzversion aus – es ist größer und dicker als das Original!

flughunde gn

»Am Anfang gab es vielleicht die Hoffnung im Verlag, dass wir Comiczeichner jetzt die Leichtleseversionen für Schulen machen. Aber das unterschätzt die Möglichkeiten des Comics bei Weitem!«

Am Anfang gab es vielleicht die Hoffnung im Verlag, dass wir Comiczeichner jetzt die Leichtleseversionen für Schulen machen. Aber das unterschätzt die Möglichkeiten des Comics bei Weitem! Es verkennt die Qualität von Comicliteratur! Bilder erzählen anders als Text. Ein Bild hat eine andere Melodie, einen anderen Klang als zum Beispiel die Sprache dieses großartigen Autors. Man kann nicht einfach nur den Inhalt nacherzählen.

Marcel Beyers Buch war auch eine sehr starke textliche Auseinandersetzung mit den Geräuschen, mit den Tönen – mit dem Medium, das weder Schreiben noch Malen ist. Dem Buch war bei Erscheinen zugeschrieben worden, dass es einen guten Weg fand, auf das Hören aufmerksam zu machen – nachdem ein paar Jahre zuvor Süskind mit dem Parfüm auf das Riechen aufmerksam gemacht hatte. Daher war ich gespannt,wie Du es machen würdest.

Das wusste ich von vorneherein. Im Comic gibt es die Soundwords. Ich habe also das Werkzeug in der Hand, um das ins Bild zu integrieren, und es war superinteressant zu überlegen, wie ich es machen könnte.

Ich bin allerdings nicht der große Soundword-Spezialist. Einer der Kritiker schrieb, irgendwann würde es zu viel mit dem Maschinengewehr-Rattern. Aber das waren keine Maschinengewehre – es sollte die Klimaanlage im Bunker sein. Die Kritik kam mehrmals – vielleicht ein Hinweis, dass ich als Künstler etwas schlampig war. Oder die Journalisten haben voneinander abgeschrieben.

Und war es so, dass Suhrkamp zu Dir gekommen ist und Dich um ein Buch bat? Du hattest einen Schreibauftrag ohne Plot?

Andreas Platthaus, der Herausgeber der Reihe, hat mich gefragt, ob ich was machen möchte, und da hieß es tatsächlich: Such Dir ein Buch aus. Es hätte alles sein könne. Ich habe sogar über Lévy-Strauss nachgedacht. Es hätte auch ein wissenschaftliches Buch sein können. Hans-Peter Duerr würde ich wahnsinnig gerne machen. Aber da könnte man nur einen winzigen Abschnitt aus einem Buch herausnehmen, weil er so vielschichtig ist.

OK – der Verlag wollte eine Literaturadaption. Man könnte ja auch was Neues haben wollen.

Nein, sie wollten zunächst keine eigenen Stoffe. Jetzt fangen sie aber an, etwas auszugreifen. Volker Reiche macht dort jetzt eine autobiographische Arbeit.

Am Ende kann ja beides gehen…

Ich finde es sogar wichtig, dass sie auch Originalstoffe machen. Es kann nicht sein, dass der Comic immer nur nachgeordnet ist.

Na ja, es ist ja auch immer eine Frage, was man können will als Künstler. Es gibt viele Partnerschaften aus Autor und Zeichner. Man muss ja keine Geschichte erfinden wollen.

Natürlich, aber für den Comic ist es gut, wenn er nicht nur eine zweite Version ist von einem Stoff, der eh schon gut war.

Wie läuft es ganz praktisch: In Eurem Falle war Suhrkamp der Makler – gibt Marcel Beyer eine Lizenz dazu?

Er musste sein OK geben. Er hatte mein voriges Buch gelesen und hat gesagt: »Ja, soll sie machen«. Und hat mir freie Hand gelassen. Wir haben uns dann ein Jahr später auf einem Literaturfestival getroffen und uns gut verstanden. Ich habe ihm gestanden, dass ich seinen Text schlachte. Er hat nur genickt.

Ich hatte das Glück, auf einen großzügigen Autor zu treffen, der auch abgeben kann.

Ich kenne es eher als Dauerthema im Film, dass der Autor nicht glücklich ist mit der Umsetzung.

Ja, es ist vergleichbar.

Und hat er es jetzt schon gesehen?

Er ist superbegeistert. Er ist total süß und schickt mir Links zu den Rezensionen und kommentiert sie: »Na, der ist aber sehr mäkelig.« Oder: »Genauso soll es sein«. Er ist sozusagen mein Mitstreiter. Wir schreiten Seite an Seite.

Es lohnt sich vielleicht, beide Bücher parallel zu lesen – Beyers Original und Deine Adaption.

Ja – es gibt natürlich Änderungen im Comic. Ich habe ca. ein Drittel der Textmenge des Romans übernommen. Ich musste, um manche Szenen zu verbinden, neue Sachen erfinden. Es ist tatsächlich ein eigenes Werk.

Es kann spannend sein zu schauen, worin die Unterschiede bestehen und warum die so sind – eigentlich perfekt für den Lehrer (sie lacht).

Man kann auf eine gute Weise didaktisch damit umgehen.

Man könnte den Text mit dem Bild vergleichen, dazu den historischen Aspekt. Dann kann man drüber reden, wie Erinnerung funktioniert…

Ich kenne nicht so viele so starke literarische Kunstprodukte, die sich direkt aufeinander beziehen.

Ich bin wahnsinnig glücklich darüber. Ich bin so erleichtert. Ich hatte am Schluss große Angst, dass man mir auf den Kopf haut.

Gibt es schon Interesse aus dem Ausland für Flughunde?

Mein französischer Verlag Editions çà et là ist dabei – der Übersetzer ist schon beauftragt. Eigentlich hätte ich gedacht, dass es auch bei meinem US-Verlag Fantagraphics schnell herauskommt, doch leider ist der Verleger, der mein erstes Buch gemacht und übersetzt hat, einen Monat nach Erscheinen des Buches an Lungenkrebs gestorben, und ich weiß gar nicht, ob dort noch jemand Deutsch spricht im Verlag.

Wie international verbreitet ist denn Marcel Beyers Flughunde?

Sehr. Es gibt auf jeden Fall eine französische und eine englische Ausgabe. Ich bin mir relativ sicher, dass es einen Markt gibt für Flughunde – das Dritte Reich ist leider Gottes Deutschlands bester Export-Artikel.

 

Teil 2 des Gesprächs:
»Film ist so gefangen in der Realitätsnachahmung. Die Zeichnung gar nicht.«

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