»Entscheidend im Global Village ist allein die Qualität der Titel.« 15 Fragen an Johann Ulrich, avant-Verlag

Johann Ulrich, avant-VerlagIn unserer Interview-Reihe mit Machern der deutschsprachigen Graphic-Novel-Szene sprachen wir mit Johann Ulrich. Der Verleger des avant-Verlags nahm sich die Zeit für ein ausführliches Telefonat, obwohl er kurz vor Fertigstellung des neuen Buches von Florent Silloray war: Auf den Spuren Rogers heißt das mit großer Spannung erwartete Werk.

 

1.)    Den Verlag gibt es seit…?

Ricci,Stefano ;  Giandelli,Gabriella  :  anita2001 sind die ersten beiden Titel im avant-verlag erschienen. Dieses Jahr sind wir also schon im 13. Betriebsjahr.

Der erste Titel war „anita“ von Stefano Ricci & Gabriella Giandelli.
Wir planen von beiden Autoren Titel für die kommenden Jahre.

 

 

2.)    Wie viele Mitarbeiter seid Ihr, wer macht das Programm?

Wir sind zu viert und planen gemeinsam das Programm.

3.)    Welche Kriterien habt Ihr für die Titelauswahl?

Neben den üblichen Kriterien wie Autorenpflege, Fortsetzung von Serien ist für uns insbesondere die Thematik einer Graphic Novel von Interesse. Deshalb befinden sich sehr viele Titel mit zeitgeschichtlichen oder politischen Themen im Programm. Das ist ein wichtiger Bestandteil unseres Angebots und auch ein Alleinstellungsmerkmal in der Branche.

4.)    Wie ist Euer Verhältnis Eigenproduktion zu Lizenzübernahmen?

Unser Ziel ist es, ein Drittel Eigenproduktionen und zwei Drittel Lizenzübernahmen zu etablieren.
In manchen Halbjahresprogrammen haben wir das in der Vergangenheit bereits erreicht – das ist bemerkenswert, da die Fülle an talentierten deutschsprachigen AutorInnen enorm zugenommen hat.

5.) Exportiert Ihr Lizenzen, verkauft Ihr Eure Originalausgaben auch ins Ausland?

Ja.

6.)    Sagst Du ein paar Worte zur Entwicklung des deutschsprachigen Comics?

Lust, Ulli : Heute ist der letzte Tag vom Rest deines LebensDank einer Generation von deutschen Comicpionieren, die zunehmend auch an den Hochschulen als Professoren tätig sind (z. B. Anke Feuchtenberger, Henning Wagenbreth, Hendrik Dorgathen, ATAK etc.), passiert seit einigen Jahren sehr viel hierzulande. Eine Vielzahl von AutorInnen kommen aus diesen Hochschulen und bereichern die Szene.

Ein Alleinstellungsmerkmal ist vielleicht sogar die lückenhafte Comictradition in Deutschland, denn dadurch entwickeln sich viel mehr individuelle Zeichenstile und Erzählweisen. Ein Umstand der auch für den Erfolg im Ausland wichtig ist.

AutorInnen wie Birgit Weyhe, Marijpol, Simon Schwartz oder Ulli Lust konnten bereits in mehrere Länder exportiert werden. Eine erfreuliche Entwicklung, die wohl vor einigen Jahren noch nicht absehbar war.

7.) Wie wird der deutschsprachige Comic-Markt im Ausland eingeschätzt?

Derzeit sehr wohlwollend. Es besteht ein großes Interesse an deutschsprachigen AutorInnen – entscheidend im Global Village ist allein die Qualität der Titel und nicht das Herkunftsland. Wobei man schon sagen muss, dass aus Deutschland sehr innovative BilderzählerInnen kommen.

8.) Seit wann sprecht Ihr von Graphic Novels?

Ich persönlich benutze diesen Begriff schon seit sehr langer Zeit, da ich beruflich mit dem Import von US-Comics zu tun hatte und der Terminus Graphic Novel in den USA schon seit Jahrzehnten geläufig ist.

9.) Ist die Entwicklung des Comic-/Graphic-Novel-Marktes gut für Euch?
Es gibt mehr Aufmerksamkeit für das Genre, aber auch mehr Wettbewerb…

Insgesamt ist die Entwicklung durchaus positiv.

10.) Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Partnerverlagen rund um die Domain graphicnovel.de entwickelt? 

Das läuft reibungslos – man kennt sich ja schließlich seit Jahren und teilt ein gemeinsames Ziel.

11.) Was wünscht Ihr Euch von einer Neugründung wie uns? Was fehlt Euch?

Eine Plattform, die Interviews mit Autoren, Hintergründe zu den Büchern etc. bereitstellt, könnte eine gute Erweiterung der einschlägigen Infoseiten darstellen. Darauf freue ich mich.

12.) Zurück zu Eurem Programm: Was waren Eure größten Erfolge?

Schwartz, Simon : PackeisHeute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens (Ulli Lust)
Berlin – Geteilte Stadt (Susanne Buddenberg & Thomas Henseler)
drüben!      (Simon Schwartz)
Die Katze des Rabbiners   (Joann Sfar)
Fünftausend Kilometer in der Sekunde (Manuele Fior)
Packeis (Simon Schwartz)
5 Songs (Gipi)

 

 

13.) Was sind aktuelle Schwerpunkte?

In diesem Jahr die (Künstler-)Biografien zu Munch und Kurt Schwitters, beide aus dem Norwegischen. Dazu noch eine Stieg Larsson Biografie, welcher dieser Tage erschienen ist.
In Vorbereitung im Moment ist der Titel „Kongo“ über Joseph Conrads Reise in das Herz der Finsternis. Also Biografien, Zeitgeschichte und allesamt mit einer politischen Dimension – das ist unser Schwerpunkt.

14.) Kannst Du was über Eure Pläne sagen?

Neben weiteren Graphic Novels könnte ich mir vorstellen, eine Art Klassikerreihe zu eröffnen. Es gibt noch viele herausragende Comic-Schätze zu heben, welche noch nie in deutscher Sprache verlegt wurden…  Einige der wichtigsten Autoren sind hierzulande nicht erhältlich – ein Umstand, den wir gerne ändern möchten.

Darüber hinaus interessiert sich avant für „Grenzgänger“ zw. Kunst und Comic, Fotografie & Comic etc. Auch hier sind einige Projekte in Vorbereitung.

15.) Für welchen Eurer Titel bzw.  Autoren wünscht Ihr Euch einen größeren Erfolg?

Fior, Manuele : Die ÜbertragungInsbesondere für unsere deutschen Autoren, denn hier wäre es wichtig, in Dimensionen, sprich höhere Auflagen, vorzustoßen, die es möglich machen, dass man von seiner Comic-Arbeit leben kann. Das ist derzeit noch die absolute Ausnahme, und von den Buchverkäufen allein  gelingt das wohl nur einer Handvoll deutscher Autoren.

Entdecken Sie die Arbeiten von Marijpol, Birgit Weyhe, Sophia Martineck, Paula Bulling u. a.
Es lohnt sich!

Mein persönliches Lieblingsbuch derzeit ist Manuele Fiors wunderbarer neuer Titel Die Übertragung – ein absolutes Muss für JEDEN.

Vielen Dank für die Antworten!

Gerne.

 

Mehr Informationen über den avant-Verlag und viele, viele Leseproben gibt es auf der Webseite des Verlags.

Weitere Interviews in der Reihe führten bislang wir mit Peter Graf, Metrolit und David Basler, Edition Moderne.

4 thoughts on “»Entscheidend im Global Village ist allein die Qualität der Titel.« 15 Fragen an Johann Ulrich, avant-Verlag

Leave a Reply