Die Siebziger – Das Kultjahrzehnt ganz anders

Schlaghosen, Plastikmöbel und Discokugeln. So kennt man die Siebziger heute. Dass das Kultjahrzehnt mehr ist, als Hippies und Afrolocken, zeigen drei Graphic Novel–Neuerscheinungen aus diesem Frühjahr:

WizzywigBei Wizzywig befinden wir uns in den USA der 1970er Jahre. Computer sind nur etwas für Freaks und Fachleute. Doch Kevin Phenicle hat begriffen, welches Potential in der neuen Technologie steckt. Der hochbegabte Junge bringt sich selber Programmieren bei und findet heraus, wie man Datenbanken und Telefonsysteme manipulieren kann. Schon bald wird das F.B.I. auf ihn aufmerksam, und eine gnadenlose Hetzjagd auf den angeblichen Super-Hacker beginnt.Kevin wird im Fernsehen gebrandmarkt und zu einem gefährlichen Kriminellen abgestempelt,der die nationale Sicherheit bedroht.

Ed Piskor vermischt in seiner fiktiven Biographie Wizzywig die Lebensläufe mehrerer Hacker, die es tatsächlich gegeben hat. Ein cleverer Comiccocktail über die Frühphase der Personalcomputer und des Hackertums, gleichermaßen spannend, witzig und tragisch.

Wizzywig wird Anfang Mai bei Egmont Graphic Novel erscheinen. Der Preis liegt bei 19.99 EUR für 288 Seiten.

Hip Hop Family TreeDie Anfänge des Hip Hop sind das Thema Hip Hop Family Tree, das ebenfalls von Ed Piskor gezeichnet wurde. DJ Kool Herc, Grandmaster Flash und die Furious Five, oder Afrika Bambaataa und RUN-D.M.C waren die Taktgeber beim beispiellosen Siegeszug eines Musik- und Lebensstils, der im New York der späten 1970er Jahre in den Parks, Aufnahmestudios, Radiostationen und Clubs der South Bronx seinen Anfang nahm.

Eine spannend und ungemein kenntnisreich erzählte Kulturgeschichte aus der Frühzeit des Hip Hop, die im Mai bei Metrolit erscheinen und 22.99 EUR kosten wird.

 

AyaEnde der 1970er-Jahre: In der ivorischen Metropole Abidjan leben Aya und ihre zwei Freundinnen Adjoua und Bintou. Aya ist 19 Jahre alt, das Alter, in dem alles erreichbar scheint – vielleicht sogar ein Medizinstudium gegen den Willen des Vaters, der seine Tochter lieber heute als morgen verheiratet sähe. Während Aya von einer Zukunft als Ärztin träumt, schlagen sich Adjoua und Bintou die Nächte in den örtlichen Tanzbars um die Ohren und rauben ihrer Freundin mit ihren chaotischen Liebschaften den letzten Nerv…

Ob nun die Wahlen zur »Miss Stadtteil« vor der Tür stehen oder Ayas quirlige kleine Geschwister – von deren Existenz sie bisher nicht das Geringste geahnt hatte – in Marguerite Abouets und Clément Oubreries schwungvollem “Alltags-Dramolett ist alles möglich und nichts so, wie es scheint” (Süddeutsche Zeitung). Hinreißend komisch und voller Lebensfreude zeigt Aya ein Afrika fernab westlicher Klischees und lässt trotz der sich überschlagenden Ereignisse auch Raum für nachdenkliche Zwischentöne.

Aya aus dem Hause Reprodukt hat 360 farbige Seiten und kostet 39 EUR.

Yeah, Yeah, Yeah – Graphic Novels über die Beatles

Fans der Pilzköpfe, aufgepasst! Die wohl erfolgreichste Band der Musikgeschichte war schon Thema dutzender Bücher und Filme. Jetzt füllen sich auch die Comic-Regale immer mehr mit Band-Biographien und Geschichten rund um die Fab Four.

 

beatleAktuellstes Beispiel: Morgen erscheint bei Panini eine Graphic Novel, die sich mit den Anfängen der Band beschäftigt. »Der fünfte Beatle« erzählt die wahre, unbekannte Geschichte von Brian Epstein, dem Visionär, der die Beatles entdeckte, managte und sie zu bis dahin unerreichtem Starruhm führte, während er auf dem Weg die Regeln des Popmusik-Business änderte. Aber Brian Epstein war auch ein Außenseiter, der beständig den Platz im Leben suchte, wo er hingehörte – und der mit 32 Jahren einsam starb.

Das Buch hat 174 Seiten und kostet 24.99 EUR.

 

liverfoolNoch etwas weiter zurück geht die Graphic Novel von Gihef und Damien Vanders. Hier geht es um die Zeit vor dem großen Erfolg der Band und Allan Williams, der den Beatles zu ihren ersten Auftritten in den Kellern von Liverpool und den hippen Clubs von Hamburg verhalf. Liverfool ist die Geschichte des vergessenen Managers, der zur Legende der größten Gruppe aller Zeiten beigetragen hat.

Bei Edition 52 erschienen, kostet das gute Stück 18 EUR und umfässt 116 Seiten.

 

babys in blackDer Aufenthalt der Beatles in Hamburg Anfang der 1960er Jahre war auch der Auslöser für die Geschichte, die Arne Bellstorf in »Babys in Black« nacherzählt. Es geht um die junge Fotoassistentin Astrid Kirchherr, deren Beziehung zu einem jungen Grafiker so dahinplätschert. Nach einem Streit steht er mitten in der Nacht wieder vor ihrer Tür, um ihr völlig aufgelöst zu erzählen, was er auf St. Pauli entdeckt hat: Fünf junge Engländer, die unter dem Namen »The Beatles« in einem Klub auf der Reeperbahn Rock ‘n’ Roll spielten. Als Astrid schließlich einwillig, ihn am folgenden Abend in den Kaiserkeller zu begleiten, ahnt sie noch nicht, dass diese Begegnung ihr Leben für immer verändern wird…

Babys in black ist bei Reprodukt erschienen, enthält 224 Seiten und kostet 20 EUR.

 

Zum 150. Geburtstag von Edvard Munch: Die Comic-Biographie

Heute vor 150 Jahren wurde der wohl berühmteste norwegische Künstler und Vertreter des Expressionismus geboren.

MunchEdvard Munchs Landsmann, Steffen Kverneland legte in diesem Jahr eine grafische Biographie des Malers vor – ein einzigartiges Projekt, in dem er sein Leben ausschließlich mit Zitaten von Munch und seinen Zeitgenossen erzählt.

Durch die Gegenüberstellung von Munchs Arbeiten mit diesen ausgewählten Zitaten schafft Kverneland ein Portrait des Malers, aber zeichnet auch ein Bild der  skandinavischen Bohème des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Anlässlich seines Geburtstages beschäftigen sich auch die Medien mit der Graphic Novel-Biographie:

Barbara Mader urteilt im österreichischen Kurier: »Kverneland gelingt der Spagat, das Genie des mit sich selbst Ringenden zu zeigen und doch komisch zu sein.« (Den ganzen Artikel gibt es hier)

Annette Spohn von ZDF Aspekte hält es nicht für überraschend, dass Kverneland den wichtigsten norwegischen Literaturpreis für sein Werk bekommen hat und findet: »Besser hätte man das Munch’sche Feeling nicht einfangen können.« (Der Videobeitrag ist hier zu sehen)

Die Welt veröffentlicht außerdem ein interessantes Interview mit Steffen Kverneland, das hier nachzulesen ist.

Munch ist bei Avant erschienen, umfasst 270 Seiten und kostet 34.95 Euro.

 

Ausstellung : Kafka in KomiKs

Dass Comics immer komisch sein müssen, ist ein Vorurteil, dass schon vielfach widerlegt wurde. Graphic Novels, die sich mit dem Leben und den Werken Franz Kafkas beschäftigen, sind wohl die besten Belege dafür.

processDas Literaturhaus Stuttgart widmet ihnen unter dem Titel »Kafka in KomiKs« zur Zeit eine ganze Ausstellung. Kuratiert wird diese u.a. von David Zane Mairowitz, der schon an der Graphic Novel- Umsetzung von Der Process mitwirkte.

Das ist die Erzählung über Josef K., der eines Morgens ohne Grund verhaftet und in ein undurchschaubares Gerichtsverfahren verwickelt wird. Ein verwirrendes Ereignis löst das nächste ab, und K. versucht immer verzweifelter, seine Unschuld zu beweisen – bis ihm schließlich das fatale Urteil überbracht wird.

Die Szenen aukafkas Der Process werden in der Ausstellung durch Bilder aus der von Comiclegende Robert Crumb gezeichneten Biographie Kafka für Anfänger ergänzt, die im Mai bei Reprodukt neu aufgelegt wurde. In ihr haben David Zane Mairowitz und Robert Crumb höchst anschaulich all das zusammengetragen, was man über Franz Kafka wissen sollte: von seiner Kindheit bis zum posthumen Kafka-Kult; über die Konflikte, die der Schriftsteller mit sich selbst und anderen, allen voran mit seinem Vater auszutragen hatte.

Außerdem gibt die Ausstellung Einblicke in die  Comicadaption von »Das Schloss« von Jaromir99, die nächstes Jahr bei Knesebeck erscheinen wird.

Einen interessanten Video-Beitrag zur Ausstellung gibt es hier.

»Kafka in KomiKs« ist noch bis zum 07.Februar 2014 im Literaturhaus Stuttgart zu sehen.

Graphic Novel- Verfilmungen, auf die wir uns freuen können

Klassische Comicfiguren wie Batman, Spiderman und Superman sind aus den Kinos nicht mehr wegzudenken. Doch auch jenseits des Superhelden-Genres tut sich einiges in der Filmwelt. Hier drei Graphic Novel-Verfilmungen, auf die wir uns freuen können:

In diesem Jahr wurde die Verfilmung von »Blau ist eine warme Farbe« von Julie Maroh mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Die ebenso sanfte wie tragische und mit autobiografischen Elementen versehene Coming-Out Geschichte über die zwei jugendlichen Frauen Clementine und Emma, die miteinander eine Liebesbeziehung eingehen und deswegen den homophoben Attacken ihrer Umwelt ausgesetzt sind, ist somit in der Geschichte des Festivals in Cannes der erste prämierte Film, der auf einer Comicvorlage basiert.

In Deutschland erscheint die Graphic Novel im Dezember bei Splitter. Sie umfasst 160 Seiten und wird 19.80 EUR kosten.

 

Letzte Woche erschien außerdem der erste deutsche Trailer zur Verfilmung von Jaroslav Rudis‘ Alois Nebel.

Ende der achtziger Jahre arbeitet Alois Nebel als Bahnhofswärter an einer kleinen Station in Bílý Potok, einem abgelegenen Dorf an der tschechisch-polnischen Grenze. Er ist ein Einzelgänger, der das Sammeln alter Fahrpläne der Gesellschaft von Menschen vorzieht. Er findet Einsamkeit beruhigend.

Doch sobald sich Nebel über die Bahnstation legt, beginnt er zu halluzinieren und sieht Züge aus den vergangenen einhundert Jahren ein- und ausfahren. Sie bergen Geister und Schatten aus der dunklen Vergangenheit Mitteleuropas: die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, die russische Besetzung 1968. Alois wird diese Alpträume nicht los und endet schließlich in einem Sanatorium. Dort lernt er einen schweigsamen Fremden kennen, der bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren, verhaftet wurde.

Der Film kommt im Dezember in die deutschen Kinos, den Trailer gibt es hier.

Das Buch Alois Nebel ist bei Voland & Quist erschienen, hat 350 Seiten und kostet 24.90 EUR.

 

Gespannt sein dürfen wir auch auf die Verfilmung von Jasons Ich habe Adolf Hitler getötet. Die Macher von »Iron Sky« wollten angeblich noch in diesem Jahr mit den Dreharbeiten beginnen. Es geht um einen Auftragskiller, der durch die Zeit in das Jahr 1939 reist, um Adolf Hitler zu töten. Hitler jedoch kann entkommen und reist statt des Killers in unsere Gegenwart.

Kaum vorstellbar, wie Jason dieses Dilemma auflösen will. Gut, dass wir es in » Ich habe Adolf Hitler getötet« nachlesen können, in dem der Norweger mit trockenem Humor sämtliche Register seines erzählerischen Könnens zieht. Und vielleicht kommt der Film ja auch schon ganz bald auf unsere Leinwände…

Das Buch jedenfalls ist bei Reprodukt erschienen, hat 48 Seiten und kostet 13 EUR.

 

»Ein großer Wurf«, Andreas Platthaus, FAZ über Miguelanxo Prados »Ardalén«

© 2013 Miguelanxo Prado, Ardalén, Egmont Comic Collection

Andreas Platthaus stellt in seinem heutigen Artikel das neue Label von Ehapa vor, das sich ganz der Graphic Novel verschrieben hat. Zur letzten Graphic Novel unter der Ehapa Comic Collection von Miguelanxo Prado zieht er das Fazit: »Sollte Egmont Graphic Novel dort weitermachen, wo die Ehapa Comic Collection mit diesem Band jetzt noch einmal hingelangt ist, dann muss uns um die Zukunft dieser Reihe nicht bange sein.« Die ganze Rezension gibt es hier.

Diese erste Graphic Novel von Miguelanxo Prado beschäftigt sich mit dem persönlichen Erinnern. Dem Erinnern als Essenz unserer Existenz, als die Wahrnehmung unseres eigenen Lebens. Das mag sich philosophisch anhören, aber letztendlich handelt sie doch von einer Handvoll Menschen, die sich gegenseitig helfen oder verletzen, einige von ihnen verlieben sich ineinander, andere klammern sich an ihre Erinnerungen um deren Versiegen zu vermeiden. Wir sind, was wir erinnern. Aber die Erinnerung ist kein objektives und unveränderliches Register.

© 2013 Miguelanxo Prado, Ardalén, Egmont Comic Collection

Sabela versucht durch Fidels Erinnerungen eine Geschichte wieder zusammenzubauen, einen Teil ihrer eigenen Geschichte. Doch immer mehr Fäden und andere Personen und andere Erinnerungen verweben sich in diesen Versuch einer Rekonstruktion. Weil wir auch das sind, an was die anderen sich erinnern.

Und in diesen Erinnerungen gibt es Liebe und Zuwendung, Ablehnung und Hass. Deshalb ist das Erinnern nicht harmlos. Doch wer sich nicht erinnert, lebt nicht. Durch die faszinierende, kreidestrichartige Maltechnik Prados und ergänzt durch vereinzelte Landkarten, Notizzettel, Buch-Auszüge oder offizielle Dokumente ist die Geschichte trotz des Anspruchs eine leicht zu lesende und gut verständliche, großartige Graphic Novel.

Miguelanxo Prados Ardalén ist erschienen bei Egmont Comic Collection und kostet 29.99 EUR.

Das Comic Festival Hamburg geht in die achte Runde

Seit 2006 gibt es in Hamburg das nichtkommerzielle Festival, das sich vor allem dem deutschen und internationalen Independent-Comic widmet.

317643_0In diesem Jahr verspricht es besonders interessant zu werden, denn das Festival wartet ab dem 03. Oktober mit gleich drei internationalen Gästen auf: Die israelische Künstlerin Rutu Morgan stellt ihr neuestes Werk Das Erbe vor, Geneviève Castreés aus Kanada zeigt ihre kurz vor dem Festival erscheinende Graphic Novel Ausgeliefert und Peggy Adam (Frankreich) präsentiert ihren Debüttitel Luchadoras.

Im Programmheft heißt es außerdem: »Das allgemeine Interesse am Medium Comic ist zweifellos gestiegen.

Abseits dieser gewachsenen Aufmerksamkeit gibt es viele Künstler und Kollektive, die neue grafische und erzählerische Wege gehen, aber selten den Weg in eine breite Öffentlichkeit finden. Wir möchten gerade auch dem Nachwuchs eine Plattform bieten, neue Querdenker mit erfahrenen Comic-Machern zusammenbringen, und dabei eine gut sortierte Auswahl der aktuellen Comiclandschaft präsentieren«

luchadorasUnd so kann man schon vor Beginn des Festivals, nämlich ab kommenden Freitag, dem 27.09., die »Satelliten«-Ausstellungen von jungen, weitgehend unbekannten Künstlern besuchen.  Zu finden sind sie in Läden, Lokalen und Werkstätten in St. Pauli sowie im Schanzen- und Karoviertel.

Auf dem Festival selbst gibt es dann Führungen durch die »Satelliten«, aber auch Ausstellungen, z.B.  von der  Kasseler Künstlergruppe Rotopol und Studenten der HAW Hamburg, sowie Lesungen und Workshops für Erwachsene und Kinder.  

Das Comic Festival Hamburg findet vom 03. bis 06. Oktober statt. Mittelpunkt ist das Festivalzentrum im »Kölibri« am Hein-Köllisch-Platz in Hamburg St. Pauli.

»Das Geziemende im Schrecklichen«, die Süddeutsche Zeitung über Derf Backderf: Mein Freund Dahmer

Burkhard Müller zeigt sich sehr angetan von Derf Backderfs »Mein Freund Dahmer«. Die Graphic Novel habe etwas ganz Besonderes geschafft: »die Verschränkung eines Kunstwerks in ein Werk der Sühnung«. Die ganze Rezension gibt es hier.

Jeffrey Dahmer (»The Milwaukee Monster«) war ein US-amerikanischer Serienmörder, der zwischen 1978 und 1991 siebzehn Männer tötete. Erzählt wird seine Geschichte bis zum ersten Mord aus Sicht von Derf Backderf, der mit Dahmer zur Highschool ging.

 

 

Mein Freund Dahmer

Aus dem Band »Mein Freund Dahmer«

 Derf Backderfs Mein Freund Dahmer ist erschienen bei Walde+Graf bei Metrolit, umfasst 224 Seiten und kostet 22.99 EUR.

Die Comic-Welt in Berlin: Alle da beim Graphic Novel Day 2013

ATAK, Dominique Goblet, Aisha Franz im Gespräch mit Lars von Törne

ATAK, Dominique Goblet & Aisha Franz im Gespräch mit Lars von Törne

Elegant gehängt: Die Ausstellung Berliner Comic-Künstler

Elegant gehängt: Die Ausstellung Berliner Comic-Künstler

Der Graphic Novel Day am 8. September überzeugte mit einem großartigen Programm. Die Veranstaltung war Teil des Internationalen Literaturfestivals Berlin, und die Organisatoren hatten sehr umsichtig insgesamt vier Panels besetzt. Diskutiert wurde über Humor im Comic, über die Literaturadaption als Genre, über die Grenzen der Graphic-Novel-Kunst und über den künstlerischen Umgang mit der Realität im Werk.

Begleitet wurde der Tag durch eine ebenfalls sehenswerte, elegante Ausstellung mit viel Material von Berliner Comic-Künstlern, die Moderation aller Diskussionen übernahm der so sachkundige wie eloquente Lars von Thörne.

 

Internationales Literaturvestival: Gabi Beltrán (mit Übersetzerin, Ville Tietäväinen, Kati Rickenbach und Ulli Lust

Internationales Literaturvestival: Gabi Beltrán aus Spanien (mit Übersetzerin), der Finne Ville Tietäväinen, die Schweizerin Kati Rickenbach und die Österreicherin Ulli Lust

Ein Thema wurde auf allen Podien diskutiert: Ist die im Comic-Manifest geforderte Förderung der Comics richtig und sinnvoll, oder nicht. Die Meinungen dazu waren durchaus kontrovers. Mich hat besonders das großartige Projekt des Finnen Ville Tietäväinen beeindruckt (kommt im nächsten Jahr unter dem Titel »Unsichtbare Hände« auch auf deutsch): Die Graphic Novel beschreibt aus der Sicht eines nordafrikanischenn illegalen EU-Immigranten das Leben in der EU. Das sehr aufwändig recherchierte Buch wäre ohne staatliche Hilfe wohl nicht entstanden.

Etwas erfinden in einer autobiographischen Geschichte? Darf man das?

Im Rückblick: Etwas erfinden in einer autobiographischen Geschichte? Darf man das?

Autobiographie in der Graphic Novel – das Thema wird anders diskutiert als in der geschriebenen Literatur. Offenbar ist die Beschäftigung mit dem eigenen Leben nicht nur ein geeignetes Sujet für Graphic Novel-Autoren (vielleicht erleben sie mehr als andere Schriftsteller?), auch die Verarbeitung der Erinnerung in Bildern, die Auslassungen, die Komposition und die Erfindungen sind offensichtlich von einer eigenen Relevanz. Die Formel von Ulli Lust, Kati Rickenbach und Lars von Thörne: Man darf erfinden, wenn es dem Leser oder dem Stoff dient; nicht aber, um es sich selbst leicht zu machen.

Manuele Fior und seine treue Assistentin

Manuele Fior und seine treue Assistentin

Signiert wurde netterweise auch noch – die schönste Zeichnung des Tages erhielt ich von dem grandiosen Manuele Fior, der seiner Familie für ein paar Tage seine alte Wahlheimat zeigte.

Beeindruckend die Kollegialität, Entspanntheit und das Wohlwollen der Künstler, die ihr Publikum in Wort und Bild in einem anspruchsvollen Programm durch den Tag brachten.

»Ich muss bei dem neuen Buch sehr mutig sein.« Ulli Lust im Gespräch mit Novel Graph, Teil 3

electrocomics

Ich wechsle etwas das Thema: Du hast nicht nur eine sehr, sehr schöne Webseite, sondern Du machst auch noch Deinen Verlag electrocomics. Der ist nichtkommerziell, oder hat es einen kommerziellen Aspekt, den ich noch nicht verstanden habe?

Er ist natürlich nichtkommerziell. Ich hatte zunächst einen eigenen Printverlag – der war wahnsinnig anstrengend. Dann kam die Idee, dass man Comics am Bildschirm machen könnte. Ich fand es so einfach, es zu machen. Ich hatte ein NaFöG-Stipendium, und habe dieses Liebhaberprojekt angefangen. Ich wusste, wie man eine Webseite programmiert, und hatte Bekannte, die Comics machen.

Ursprünglich hatten wir die Illusion, dass, wenn die Leser 50 Cent zahlen, genauso viel rüberkommt, wie bei einem normalen Verlag. Es gab 2005 noch nicht das große Interesse, Comics zu verlegen. Es gab drei Verlage, und wenn die dein Buch nicht machen wollten, standest Du blöd da. Es gab keine ausreichenden Publikationsmöglichkeiten, deshalb fanden wir die Idee gut, uns etwas autonomer zu machen.

Allerdings: Es hat sich herausgestellt, dass die Leser im Internet nicht zahlen wollen.

Wie ist das mit den Crowdsourcing-Projekten in den USA?

Die funktionieren gut. Ich habe an einem feministischen Comicprojekt mitgemacht – es hieß The Big Feminist But -, und die haben ziemlich schnell ihr Goal erreicht.

Und Electrocomics machst Du weiter?

Ja, es macht mir Spaß. Ich mache gerne Bücher. Ich mache gerne Layouts und rede mit den anderen, was man besser machen könnte.

Ich muss nicht jeden Monat etwas Neues machen. Die Leser, die bei electrocomics reinschauen, wissen, dass es eine Selektion ist. Es kommt nicht jeder Comic rein. Wenn ich ein wirklich gutes Buch sehe und der Autor stellt es zur Verfügung, wird es hochgeladen. Weil ich international viele Comic-Zeichner kenne, findet sich immer etwas. Die Übersetzungen sind das größte Problem – da hätte ich gerne ein paar Subventionen.

Na ja, das wäre ja zum Beispiel ein Vorschlag für die im Manifest angesprochenen Hilfen.

Electrocomics gibt auch einen guten Grund, bei den jungen Zeichnern reinzuschauen. Das bereichert mein Leben.

Pläne

Gibt es weitere Projekte, über die schon sprichst?

Ulli Lust Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens

»Ich zeichne schon an einem neuen Comic. Es wird eine Fortsetzung der Autobiographie Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens.«

Na ja, ich zeichne schon an einem neuen Comic. Es wird eine Fortsetzung der Autobiographie Heute ist der letzte Tag…. Ich habe halt noch etwas erlebt. Eigentlich plane ich eine Trilogie, und das ist der zweite Teil.

Aber ich muss bei dem neuen Buch sehr mutig sein.

Ich fand, bei dem ersten Buch musstest Du auch schon sehr mutig sein…

Aber bei dem neuen Buch schaue ich wahnsinnig langweilig und piefig aus. Mit Brille und farblos und so – es ist irrsinnig peinlich, sich so zu zeigen. Es ist einfacher, sich als wildes Chick zu zeigen. Man will ja cool sein. Und dieses Mädchen war eindeutig cool, obwohl sie auf der anderen Seite ziemlich naiv war. Aber es hat Spaß gemacht, das nachzuempfinden. Damals war es unangenehm, aber im Nachhinein…

Bei dem neuen Buch versuche ich wieder Anschluss an die Gesellschaft zu finden, ein guter Mensch zu sein. Als 17jährige wollte ich das Gegenteil von der Gesellschaft sein.

Die Amerikaner finden das erste Buch auch cool, oder? Oder hast Du nur einen großen Fan bei Publishers Weekly?

Publishers Weekly, New York Times… – ich habe gute Presse, und bin gerade erst in 2 Kategorien für den Ignatz Award, einem Preis für Independent Graphic-Novels, nominiert worden…

Ich haben das Gefühl, in Amerika vielleicht noch besser aufgenommen zu werden als in Europa. Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass ich mich von den amerikanischen Comics inspirieren lasse, und nun scheint etwas zurück. Und: Es gibt ja auch in Amerika viele junge Frauen, die ausbrechen wollen aus dem Klischee-Frauenbild.

Signierte Bücher

Ulli Lust hat für Euch Bücher signiert.
Wer schnell ist, kann sie in unserem Shop erstehen.

 

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Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens

Ulli Lust: Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens
signiertes Exemplar
450 Seiten
avant Verlag
29.95 EUR

flughunde gn

Ulli Lust / Marcel Beyer: Flughunde
signiertes Exemplar
350 Seiten
Suhrkamp Verlag
24.99 EUR

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teil 1 des Gesprächs:
»Es muss einen Sinn haben, ein Buch zu adaptieren.«