»Der deutschsprachige Markt ist international wichtig, aber sicher noch entwicklungsfähig.« 15 Fragen an David Basler, Edition Moderne

foto_davidbaslerDavid Basler besucht etwas überraschend unser Unternehmen. Wir setzen uns zusammen in den Garten und sprechen über die Situation der Graphic Novel-Szene. Als einer der dienstältestens Grahic-Novel-Lektoren im deutschsprachigen Raum hat er schon einige Hypes in der Branche erlebt – und einige Flops beobachten können. Sehr lehrreich sind seine Ausführungen über die Letterer im deutschsprachigen Raum – er spricht mit großem Respekt vor den Kollegen, die diesen Job machen. Weil die deutsche Sprache mehr Worte macht als das Englische und Französische, braucht es für das Lettering eine besondere Kunstfertigkeit.

Im Interview, das wir anschließend per Mail führen, befragen wir ihn zu seinem Verlag und zu seinen Einschätzungen zur Position deutschsprachiger Autoren auf dem internationalen Markt.

Malet / Tardi: 120 Rue de la Gare1.) Den Verlag gibt es seit…?

1981

2.) Wie viele Mitarbeiter seid Ihr, wer macht das Programm?

Wir sind zwei Mitarbeiter, ich mache das Programm.

3.) Welche Kriterien habt Ihr für die Titelauswahl?

Der Titel muss uns gefallen.
Der Autor hat bereits bei uns veröffentlicht.
Die Edition Moderne war zuerst ein Fanprojekt. 10 Jahre lang hat jeder der 4 Gründer seine vorgeschlagenen Bücher selber bezahlt und dazu jährlich anteilmässig die Betriebskosten bezahlt.
Anfangs 90er Jahre haben sich dann die Comics als kommerziell erfolgreichstes Projekt durchgesetzt. In diesem Geiste werden heute noch die Titel ausgewählt: Es muss uns begeistern. Der Unterschied ist, dass wir heute als professionell geführter Betrieb nicht mehr alles machen können, was uns am Herzen liegt.

4.) Wie ist Euer Verhältnis Eigenproduktion / Lizenzübernahmen?

60% der Titel sind Lizenzen.

THomas Ott, R.I.P.5.) Exportiert Ihr Lizenzen, verkauft Ihr Eure Originalausgaben auch ins Ausland?

Ja, immer mehr.

Im Lizenzgeschäft ist Thomas Ott unser erfolgreichster Autor. Seine Bücher erscheinen in über 15 Sprachen. Obwohl Sprache ist nicht das richtige Wort, denn seine Geschichten sind stumm!
Aber mit seinen Horrorgeschichten in der speziellen Schabkartontechnik ist er global verständlich.

 

6.) Sagst Du ein paar Worte zur Entwicklung des deutschsprachigen Comics?

Die Akzeptanz der deutschsprachigen Titel ist durch die Einführung des Begriffes Graphic Novels markant gestiegen.

Satrapi, Marjane : Persepolis Gesamtausgabe7.) Wie wird der deutschsprachige Comic-Markt im Ausland eingeschätzt?

Ein wichtiger Markt, aber sicher noch entwicklungsfähig.

8.) Seit wann sprecht Ihr von Graphic Novels?

Seit 6 Jahren

9.) Ist die Entwicklung des Comic-/Graphic-Novel-Marktes gut für Euch?
Es gibt mehr Aufmerksamkeit für das Genre, aber auch mehr Wettbewerb…

Der Einstieg grosser, bekannter Verlag ist eine gute Sache und fördert die Bekanntheit des Genres.

10.) Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Partnerverlagen rund um die Domain graphicnovel.info entwickelt?

Mit Avant und Reprodukt pflege ich regelmässigen Kontakt, und wir haben auch gemeinsame Messeauftritte.

Joe Sacco: Palästina11.) Was wünscht Ihr Euch von einer Neugründung wie uns? Was fehlt Euch?

Ich wünsche mir, dass unsere Titel nicht nur unter Graphic Novels gelistet werden, sondern auch unter dem Thema. Zum Beispiel PALÄSTINA  von Joe Sacco unter dem politischen Sachbuch.

12.) Zurück zu Eurem Programm: Was waren Eure größten Erfolge?

Persepolis von Marjane Satrapi mit über 100’000 verkauften Exemplaren in den verschiedenen Editionen (TB, HC, Süddeutsche Edition).

13.) Was sind aktuelle Schwerpunkte?

Wir planen im Frühjahr 2014 einen Schwerpunkt zum 1. Weltkrieg. Jacques Tardi, einer unser wichtigsten Autoren, beschäftigt sich schon lange mit dem Thema. Dazu hat Joe Sacco ein einzigartiges Panoramabild zur Schlacht an der Somme geschaffen, dass wir gemeinsam mit dem französischen Verlag Futuropolis zweisprachig herausbringen.

14.) Kannst Du was über Eure Pläne sagen?

Wir werden weiter politisch engagierte Graphic Novels aus aller Welt veröffentlichen und dazu auch deutschsprachige Autoren fördern. Jacques Tardi, meiner Meinung nach der wichtigste zeitgenössische Graphic Novel Autor Frankreichs, will ich auch im deutschen Sprachraum über die Comic-Kreise hinaus bekannt machen.
Dazu wird im LCB in Berlin im Januar 2014  Jacques Tardi in einer Ausstellung vorgestellt.

Kugler, Olivier : Mit dem Elefantendoktor in Laos15.) Für welchen Titel / Autor wünscht Ihr Euch einen größeren Erfolg?

Für Olivier Kugler: Mit dem Elefantendoktor in Laos. Olivier Kugler ist ein herausragender Zeichner und macht Comicreportagen u. a. für The Guardian, The New York Times, The New Yorker und Die Süddeutsche.
Dies ist sein erstes Buch überhaupt! Wir sind von seinem Talent überzeugt und gespannt, wie er bei den Leserinnen und Leser ankommt.

 

Weitere Interviews in der Reihe führten wir mit Johann Ulrich, avant-Verlag und Peter Graf, Metrolit.

Graphic Novel Day beim 13. Internationalen Literaturfestival in Berlin

Bereits zum dritten Mal wird in das Programm des Internationalen Literaturfestivals in Berlin auch ein Graphic Novel Day eingebaut.
Zwei Wochen nach den Berlin Graphic Days folgt am 8. September 2013 ein weiterer Höhepunkt im Kalender der Comic-Szene .

Hervorragende Künstler sprechen über gute Themen – es müßte ein richtig spannender Tag werden.

Flix: Don QuijoteIm Programmheft heißt es zu diesem Tag: »Das ilb lotet beim dritten Graphic Novel Day aktuelle Tendenzen einer zunehmend populären Kunstform aus, die sich zwischen Literatur und bildender Kunst bewegt. Die Vielfalt der Genres, Themen und Stilformen zeitgenössischer Comics wird in vier Podiumsgesprächen verhandelt. Ergänzt werden diese durch eine Abendveranstaltung mit den Künstlern Danielle de Picciotto und Alexander Hacke, die Musik und grafische Narration kombinieren.
Parallel dazu präsentiert eine bereits ab dem 3. September zu sehende Ausstellung die Arbeiten Berliner Comickünstler. Während der Vernissage wird das Berliner Comicmanifest präsentiert, das Forderungen und Vorschläge
bündelt, wie die Kunstform Comic die ihr gebührende Unterstützung und Aufmerksamkeit bekommen kann. Es wurde erarbeitet von Comic-Autoren, Vertretern des ilb sowie zahlreicher Berliner Institutionen, die sich mit Comics befassen.«

Die Themen der Podiumsgespräche: Literatur und Literaturadaption, Comic und Altag, Grenzüberschreitungen, Die Kunst des Witzes.

Atak: Der GatenErwartet werden u.a. Manuele Fior, Flix, Tim Dinter, Atak, Aisha Franz, Dominique Goblet, Gabi Beltrán, Kati Rickenbach, Ulli Lust, Nicolas Mahler, OL, Danielle de Picciotto und ihr Mann Alexander Hacke.
Die Gespräche moderiert Lars von Thörne vom Tagesspiegel.

Der Graphic Novel Day beim 13. internationalen Literaturfestival in Berlin
findet statt am 8. September im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstrasse 24, 10719 Berlin.

Flankierend zum Graphic Novel Day läuft am gleichen Ort die Ausstellung »Comics aus Berlin. Bilder einer Stadt.«

Die 50 größten Graphic Novels aller Zeiten: The Herald, Schottland

Marjane Strapi: PersepolisThe Herald aus Schottland, immerhin die älteste Zeitung der Welt, hat eine große Umfrage unter Zeichnern, Autoren, Kritikern, Verlegern, Journalisten, Comic-Forschern, Comedians und Musikern ausgewertet und die 50 größten Graphic Novels aller Zeiten gekürt.

Platz 1 geht an Marjane Satrapi: Persepolis.

Aus der Perspektive eines kleinen Mädchens erzählt die gebürtige Iranerin Marjane Satrapi von der islamischen Revolution von 1979 und vom Krieg mit dem Irak – und zwar in einer einfachen, aber effektiven Bildsprache. Um dem iranisch-irakischen Krieg zu entkommen, wird sie als Jugendliche von ihren Eltern aus Teheran nach Wien geschickt. Nach vier Jahren kehrt sie trotz der Faszination der europäischen Jugendkultur wegen Heimweh nach Teheran zurück, wo sie als dekadent gilt und mit den täglichen Widerwärtigkeiten des islamischen Regimes konfrontiert wird. Von nun an ist sie nirgendwo mehr zuhause.

Das 2bändige Werk erscheint in Kürze in einer 356 Seiten starken Gesamtausgabe zum Preis von 25 EUR bei der Edition Moderne.

Auf den nächsten Plätzen:

Art Spiegelman, MausPlatz 2 für Art Spiegelman: Maus.

Art Spiegelman verschaffte mit seiner spektakulären, autobiographischen Graphic Novel dem Genre den Durchbruch bei einem breiteren Publikum.

Die Geschichte von Maus veränderte über Nacht die Geschichte des Comic Strips – aus Kult wurde Kunst.

Berichtet wird die authentische Lebensgeschichte des polnischen Juden Wladek Spiegelman. In Queens, New York, schildert er seinem Sohn die Stationen seines Lebens: Polen und Auschwitz, Stockholm und New York, er erzählt von der Rettung und vom Fluch des Überlebens. Art Spiegelman hat diese Geschichte aufgezeichnet, indem er das Unaussprechliche Tieren in dem Mund legt: Die Juden sind Mäuse, die Deutschen Katzen.

Art Spiegelmann, Die vollständige Maus enthält 296 Seiten. Aktuell gibt es eine Ausgabe bei Fischer.

Chris Ware: Jim CorriganPlatz 3 geht an Chris Ware: Jimmy Corrigan

Die erst in diesem Jahr auf deutsch erschienene Graphic Novel (im Original bereits seit 2000 auf dem Markt) löste weit über die Grenzen der Comicwelt hinaus Begeisterung aus. Seitdem gilt das Buch als Jahrhundertcomic, der die Ausdrucksmöglichkeiten von Bild und Wort radikal ausschöpft und damit beweist: Es gibt große Literatur, die sich nur als Comic erzählen lässt.

»Jimmy Corrigan« ist ein linkischer und dauerkränkelnder Enddreißiger, der ein Dasein als unauffälliger Büroangestellter fristet. Sein soziales Leben beschränkt sich auf die täglichen Kontrollanrufe der Mutter – und findet ansonsten in seinen tagträumerischen Heldenfantasien statt. Ein Brief seines Vaters, der nach jahrzehntelanger Abwesenheit die Beziehung wiederbeleben möchte, reißt ihn schließlich aus seinem lethargischen Alltag heraus.#

Chris Ware: Jimmy Corrigan, 384 Seiten, erschienen bei Reprodukt.

Auf den weiteren Plätzen u.a.

4.) Charles Burns: Black Hole

5.) Daniel Clowes: Ghost World

6.) Alan Moore: From Hell

7.) Jaime Hernandez, Locas

8.) Alan Moore: Watchmen

9.) Alan Moore: V wie Vendetta

10.) Joe Sacco: Palästina

11.) Katsuhiro Otomo: Akira

12.) Frank Miller: Batman.: The Dark Knight Returns

13.) Glyn Dillon: The Nao of Brown

14.) David B.: Die heilige Krankheit

15.) Alexandro Jodorowsky / Moebius:  Der Incal. In weiter Ferne

 Die gesamte Liste des Herald findet sich hier

Fast alle genannten Titel sind auf deutsch oder im Original in unserem Shop lieferbar – zu vielen Titeln zeigen wir ausführliche Leseproben.

»Wir probieren Bücher zu etablieren, die den Genrebegriff erweitern.« 9 Fragen an Peter Graf, Metrolit

Peter GrafIn unserer Reihe mit Verleger-Gesprächen sprechen wir heute mit Peter Graf, Metrolit.

Peter Graf erwische ich telefonisch in Zürich. Seitdem er seinen Verlag Walde + Graf als Imprint in die Berliner Verlagsneugründung Metrolit miteingebracht hat, pendelt er zwischen diesen beiden Hochburgen des Graphic Novel. So kosmopolit wie die beiden Städte ist auch das Graphic Novel-Programm, das er für Metrolit verantwortet.

1.) Metrolit gibt es seit dem Frühjahr. Wie war der Start?

MetrolitBei einer vergleichsweise großen Neugründung wie der unsrigen – wir sind mit 18 Titeln gestartet – sind die damit verbundenen Ziele nicht innerhalb weniger Monate zu erreichen. Und obwohl wir noch nicht in Gänze absehen können, welche unserer Entscheidungen richtig sind, welche korrigiert werden müssen, lässt sich sagen, dass unser Start sehr gut gewesen ist.
Die Resonanz auf unsere Bücher ist erfreulich, und wir haben es innerhalb kurzer Zeit geschafft, den Verlagsnamen und das Programm so zu kommunizieren, dass es als relevant und erfrischend anders wahrgenommen wird. Trotzdem wissen wir, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben, um unseren Verlag zu konsolidieren und langfristig zu einer festen Größe im Buchhandel zu machen.
Aber schon jetzt, mit dem zweiten Programm, scheinen sich einzelne Titel hervorragend zu entwickeln und auch kommerziell erfolgreich zu sein. Der Roman Blutsbrüder – Ein Berliner Cliquenroman von Ernst Haffner beispielsweise, eine Wiederentdeckung, die im Vorfeld für viel Furore sorgt, und schon vor der Auslieferung in die zweite Auflage geht.

2.) Wie habt Ihr das Programm von Walde + Graf integriert?

David Rees: Die Kunst einen Bleistift zu spitzenWALDE + GRAF ist faktisch ein Label von Metrolit. Ich programmiere dort jährlich ca. 12 Titel: Graphic Novels, illustrierte Romane und Bücher wie Die Kunst einen Bleistift zu spitzen von David Rees, ein originelles und sehr unkonventionelles Sachbuch, das unseren Anspruch unterstreicht, besondere Bücher zu machen, die inhaltlich und formal eigenständig sind.
Das gilt aber für das gesamte Metrolit-Programm und womöglich ist es für die Buchhändler, für die Leser und die Rezeption gar nicht so relevant, ob ein Buch nun von WALDE + GRAF oder von Metrolit ist. Denn programmatisch sind die Grenzen oft fließend. Meine Kollegen und ich haben sehr ähnliche Vorstellungen und gemeinsam arbeiten wir an dem Ziel, Metrolit zu einer Erfolgsgeschichte zu machen. Dabei hilft der gute Ruf, den WALDE + GRAF sich in den zurückliegenden Jahren erarbeiten konnte.

3.) Wie viele Mitarbeiter seid Ihr, wer macht das Programm?

Lars Birken-Bertsch ist für das Marketing verantwortlich, Marie Claire Lukas für die Pressearbeit, unsere Volontärin, Karin Sauerwald, betreut insbesondere den Bereich Social Media. Das Programm verantworten Bärbel Brands (internationale und deutschsprachige Literatur) und Thorsten Schulte (Sachbuch). Last but not least gehört Tom Erben zu unserem Team. Er bringt als Geschäftsführer seine Erfahrungen ein, hält Kurs und steuert uns durch das mitunter schwierige Fahrwasser einer nicht ganz einfachen Branche.

4.) Welche Kriterien habt Ihr für die Titelauswahl im Bereich Graphic Novel? Wie positioniert Ihr euch auf dem Markt, in dem es hervorragende alteingesessene Labels sowie eine zunehmende Zahl von Graphic Novel-Einzeltiteln bei den klassischen Literaturverlagen gibt?

Helmut Wietz: Der Tod von AdornoMit Reprodukt, Avant, der Edition Moderne und dem sehr viel größeren Carlsen Verlag usw. gibt es erfahrene und hervorragende Mitbewerber, die über viele Jahre ihre Programme entwickelt haben. Dasselbe zu tun wie sie, wäre wenig sinnvoll.

Wir probieren Bücher zu etablieren, die den Genrebegriff erweitern. Der Tod von Adorno oder We are Gypsies now sind Beispiele dafür. Beides sind keine klassischen Comics oder Graphic Novels. Letzteres ist ein gezeichnetes und Illustriertes Tagebuch, Helmut Wietz hat mit Der Tod von Adorno ein Buch geschaffen, das sich aus dem Zitatenschatz der Superheldencomics und der Pop Art bedient und sich ansonsten um die Lesegewohnheiten von Comic-Lesern wenig schert. Er hat vor über vierzig Jahren mit der Arbeit an dem Buch begonnen und es erst jetzt fertig gestellt. Ein unkonventionell erzähltes Stück Deutscher Geschichte, das kontrovers  besprochen worden ist. Es gab euphorische Besprechungen und Verrisse. Der Titel hat die Gemüter also bewegt.
Außerdem mag ich Geschichten, die ein Thema aufgreifen, das sich möglichst breit kommunizieren lässt. Chester Browns Ich bezahle für Sex oder Mein Freund Dahmer von Derf Backderf sind Bücher, mit denen wir in der Presse auf große Resonanz gestoßen sind. Sie wurden im Feuilleton ebenso besprochen wie in Magazinen wie „Der Spiegel“ oder im Radio. Ich bezahle für Sex war Thema bei „Menschen bei Maischberger“, und unser Comic zum 17. Juni 1953 von Kitty Kahane hat es sogar in die Hauptsendung der „Tagesschau“ geschafft.

5.) Ihr werdet Euch den hiesigen Comic-Markt angesehen haben. Sagt Ihr ein paar Worte zur Entwicklung des deutschsprachigen Comics?

Wir haben im laufenden Programm drei deutschsprachige Comics publiziert, aber wir sind weit entfernt davon, uns in diesem Segment etabliert zu haben. Uns fehlen auch die Erfahrungen, auf die die Kollegen der anderen Verlage zurückgreifen können. Sicher ist es aber so, dass es zahlreiche Künstler gibt, die sich etabliert haben, und es sind im laufe der Jahre viele neue Themen und Stile hinzugekommen: Der deutschsprachige Comic ist vielfältiger und eigenständiger geworden.  Das ist spannend und schafft Möglichkeiten. Allerdings steht das mediale Interesse, das überdurchschnittlich ist, in einem gewissen Missverhältnis zu den tatsächlichen Verkäufen. Der Buchreport hat beispielsweise im Juli die aktuelle Bestsellerliste für Graphic Novels veröffentlicht. Unsere Titel lagen auf Platz 1, 5 und 8. Wäre das die Spiegel-Bestsellerliste, wären wir saniert. So ist es mehr ein Zeichen dafür, dass die eigene Arbeit sowie die Auswahl der Titel, richtig ist. Aber hinsichtlich der Verkaufszahlen ist da noch Luft nach oben.

6.) Wie wird der deutschsprachige Comic-Markt im Ausland eingeschätzt? Welche Erfahrungen habt Ihr bei Euren Lizenzgesprächen gemacht?

Diese Frage kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten. Es gibt im Ausland Interesse an einer unserer Graphic Novels. Wir freuen uns, wenn wir eine Lizenz vergeben können, aber empirisch Buchstabiert sich anders, uns fehlen da die Erfahrungen.

7.) Was werden Eure Spitzentitel im Herbst? Kann man schon was sehen?

Bell, Gabrielle  :  Der VoyeurDer Voyeur von Gabrielle Bell, der Titel erscheint im September, ist ein Abbild der Generation 30+. Schonungslos und humorvoll fügt Gabrielle Bell aus unterschiedlichsten Episoden ein Bild unserer Zeit zusammen, indem sie aus ihrem Leben und dem ihrer Freunde erzählt. Als Leser gibt man sich dem Kitzel, als Voyeur am Schicksal anderer teilzunehmen, nur allzu gern hin. Aber Vorsicht: Die Kunst Bells besteht darin, dass jeder Blick durchs Schlüsselloch eher dem in den eigenen Spiegel gleicht. Und so fühlen sich alle ertappt und gleichzeitig erleichtert. Chris Ware und Art Spiegelman haben das Buch sehr positiv aufgenommen.
Ware sagt: »Der Voyeur ist das Werk einer reifen Autorin, Bell die wohl aufrichtigste Erzählerin ihrer Generation. Ich liebe dieses Buch.« Spiegelman hält es derzeit für eines der besten autobiographischen Comics.

Vance, James ;  Burr, Dan E. :  Auf dem DrahtseilSoeben ist Auf dem Drahtseil von James Vance und Dan E. Burr erschienen.
Auf dem Drahtseil erzählt die Geschichte des jungen Fred Bloch, der als Assistent des Entfesselungskünstlers Gordon Corey arbeitet. Corey ist die Hauptattraktion eines großen Wanderzirkus, der durch die USA tourt. Aber der Held hat viele dunkle Seiten. Alkoholmissbrauch, Selbstzweifel und die Geister der Vergangenheit holen ihn ein. Bloch steht ihm bei so gut es geht, aber auch er trägt ein Geheimnis mit sich, das sein Leben zerstören kann. Er sympathisiert mit den Kommunisten und gerät in kriminelle Kreise. Auf dem Drahtseil ist ein episch erzähltes Drama, das in kunstvoll gezeichneten Schwarzweiß-Bildern und sehr virtuos die gesamte Bandbreite narrativen Erzählens auslotet. Für ihr letztes Buch Kings of Disguise erhielten James Vance und Dan E. Burr den renommierten »Eisner-Award«. Es wurde vom Guardian zu einem der 10 wichtigsten Comic-Publikationen aller Zeiten gewählt. Und auch Auf dem Drahtseil wird von der US-amerikanischen Presse gefeiert. „Das Werk erschafft eine Geschichte epischen Ausmaßes, die es sogar mit so manchem Literatur-Klassiker aufnehmen kann“, schreibt Zuckerkick.

8.) Kannst Du was über Eure Pläne sagen?

Wir werden probieren, die hier beschriebenen Programmbereiche auszubauen und den Bereich Graphic Novel zu einem festen Bestandteil unseres Programms zu machen. Wir planen wie gehabt mit ca. vier bis sechs Titel jährlich. Kontinuität und Originalität sind uns da wichtiger als das Programm auszuweiten.

9.) Welche Wünsche an einen Online-Shop wie Novel Graph habt Ihr?

Für uns ist es wichtig, dass der Handel unsere Bücher weiterempfiehlt. Ich sehe bei einem Shop, so wie ihr ihn denkt, die Chance, dass Leser und Handel wieder direkter miteinander in Kontakt treten. Ihr baut eine Plattform auf, die ein von euch favorisiertes Sortiment vorstellt, ihr sprecht Empfehlungen aus, bietet unseren Büchern, sofern sie euch gefallen, eine Öffentlichkeit, die über die reine Präsenz oder Verfügbarkeit hinausgeht. Das ist eine Form der unabhängigen Vermittlung, die sehr wesentlich ist. Wir können immer behaupten, dass unsere Bücher gut und wichtig sind, glaubwürdiger ist die Meinung und das Engagement Dritter. Sollte es also irgendwann so sein, dass dem comic-interessierten Publikum eure Seite als Referenz dient, wenn es darum geht, sich über Comics zu informieren und die Bücher über euch zu beziehen, wäre das eine Entwicklung, die allen gut tut. Die Möglichkeiten, Titel Online zu inszenieren sind fantastisch, und diese Form kommt dem Genre auch sehr entgegen, denn komplexe Bildinhalte lassen sich auf einer Vorschauseite einfach nicht darstellen. Insofern wünsche ich mir Präsentationsformen, die neue Wege gehen und innovativ die reine Shopfunktion mit der Vermittlung von Inhalten kombiniert.

Mehr Informationen über den Verlag und viel Hintergrund zum schönen Programm gibt es auf der Webseite: www.metrolit.de.

Weitere Interviews in der Reihe führten bislang wir mit Johann Ulrich, avant-Verlag und David Basler, Edition Moderne.

Über 20 Jahre nach Erscheinen nun auf Deutsch – Eric Drooker: Flut.

Eric Drooker: FlutÜber 20 Jahre alt und trotzdem topaktuell: Eric Drookers Graphic Novel Flut thematisiert die Gentrifizierung von New York in den 80er Jahren.

Am Ende des 20. Jahrhunderts: Der Mensch im Moloch New York – einsam und verloren streift er durch die Straßen. Es beginnt zu regnen. Um dem tristen Alltag zu entfliehen, stürzt er sich ins Vergnügen, sucht Sinn in einer archaischen Traumwelt. Die Welt, die ihn umgibt, wird von der Flut verschlungen. Drookers apokalyptische Erzählung kommt in ihrer expressionistischen Bildsprache, die an die Holzschnitte Frans Masareels erinnert, ganz ohne Worte aus. In den Panels dieses poetischen Endzeitmythos produziert er mit seiner sozialpolitischen Gesellschaftskritik eine ungemein atmosphärische und inhaltliche Dichte, in den nicht nur historische Ereignisse wie die Kolonialisierung, der Sklavenhandel und die New Yorker Aufstände der späten 80er Jahre Eingang finden.

Eric Drookers Graphic Novel Flut umfaßt 176 Seiten, kostet 19.95 EUR und ist erschienen im avant-Verlag.

In einem interessanten Telefoninterview mit der PRESSE, Wien, erzählt er vom Leben und Arbeiten in New York.

Ignatz Awards 2013: Weitere Nominierungen für Patrick McEown und Ruto Modan

HairshirtNeben Ulli Lust ist als weiterer »Outstanding Artist« Patrick McEown nominiert. Patrick McEown lebt in Montréal, wo er neben seinen künstlerischen Aktivitäten als Gastprofessor an der Concordia University Malerei und Zeichnen lehrt.
Darüberhinaus hat er über einige Jahre als Storyboardzeichner an Serien wie ‘Batman: Beyond’ und ‘X-Men: Evolution’ mitgewirkt und veröffentlichte bereits für eine Vielzahl von Verlagen, darunter Dark Horse, Fantagraphics, Owl und Vice Magazine. Im Zuge seiner zeichnerischen Tätigkeit erhielt er 1993 für die Serie ‘Grendel: Warchild’ den begehrten Eisner Award.

Seine Graphic Novel Hairshirt über das Ende der Kindheit und das Erwachsenwerden, in der Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Traum miteinander verschmelzen, ist erschienen im avant-Verlag, umfaßt 128 Seiten und kostet 19.95 EUR.

Rutu Modan: Das ErbeIn der Kategorie »Outstanding Graphic Novel« ist der auch hierzulande hochgelobte Titel Das Erbe von Rutu Modan nominiert.

In Das Erbe steht eine alte Hinterlassenschaft in Warschau im Zentrum der Erzählung. Eine ältere Dame, die vor den Nazis aus Polen geflohen ist, kehrt mit ihrer Enkelin nach vielen Jahren zurück, um – vordergründig – Anspruch auf ein altes Erbe zu erheben. Doch sie hat mehr auf der Agenda als nur das, es ist für sie auch eine sehr persönliche Reise in die eigene Vergangenheit und zu einem Mann, den sie einst liebte.
Das Erbe erschien bei Carlsen. Der 240 Seiten starke Band kostet 24.90 EUR.

 

Ignatz Awards 2013: 1 Award, 2 Nominierungen für Ulli Lust

Lust, Ulli :  Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens Gleich zwei Nominierungen zum diesjährigen Ignatz Award gibt es für Ulli Lust. Ulli Lust ist 1967 in Wien geboren, sie studierte von 1999–2004 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee; heute lebt und zeichnet sie Comics in Berlin.

Die englische Ausgabe von Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens ist nominiert als eine von fünf “Outstanding Graphic Novels” und Ulli Lust selbst als “Outstanding Artist”.
Der Ignatz Award ist einer der ganz großen Independent Preise.  Wir gratulieren Ulli Lust zur Nominierung und sind gespannt auf die Bekanntgabe der Preisträger am 14. September 2013.
Weitere Infos zum Preis und den Nominierungen gibt es hier:
http://www.spxpo.com/ignatz-awards-2013.

Für das autobiographische Comic-Epos Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens nahm sich Ulli Lust über vier Jahre Zeit. Die in Berlin lebende österreichische Zeichnerin Ulli Lust, bisher vor allem bekannt für ihre Comic-Reportagen (“Fashionvictims, Trendverächter”, avant-verlag) und erotisch-mythologischen Comics (“Airpussy”, L’employé du moi), legt damit die bislang umfangreichste deutschsprachige Comic-Erzählung vor.

Das 450-Seiten-starke Werk kostet 29.95 EUR und ist erschienen im Avant Verlag.

Update 15.9.2013
Ulli Lust bekommt den Ignatz Award 2013 in der Kategorie Outstanding Graphic Novel. Wir gratulieren von ganzem Herzen!
Mehr Infos und alle Preisträger hier:
http://www.spandexless.com/2013/09/congratulations-to-the-2013-ignatz-award-winners/

 

»Absolut empfehlenswert« Mario Osterland im Tagesspiegel über Frank Schmolkes Trabanten

Franz Schmolke: Trabanten Mario Osterland enthüllt im Tagesspiegel die Bezüge der Graphic Novel Trabanten von Frank Schmolke als feine literarische Referenz an Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz – auch wenn der Schauplatz jetzt München heißt.

Der junge Franz Huber kommt aus dem Knast und will fortan alles richtig machen. Doch schon bald steckt er wieder mitten in den größten Schwierigkeiten.

Als Franz das Wiedersehen mit seinen Freunden Paul und Robert feiert, kommt es zu einem tödlichen Unfall. Und jetzt sind Franz und Paul auf der Flucht vor Roberts psychopathischem und gewalttätigem Bruder.

Frank Schmolke: Trabanten. DetailFranz‘ Panik vor dem erneuten Verlust seiner Freiheit wird immer heftiger. Dabei hatte die Entdeckung der Liebe und des Künstlers Jackson Pollock dieser Freiheit gerade einen Sinn verliehen! Frank Schmolke erzählt stimmungsvoll und authentisch vom verzweifelten Kampf eines jungen Mannes um sein Leben und seine Identität im München der frühen 1980er-Jahre.

Trabanten von Franz Schmolke erschien in der Edition Moderne, umfaßt 200 Seiten und kostet 24 EUR:

»Alle Kategorien eines intelligenten und unterhaltsamen Romans erfüllt« Der SPIEGEL über Rutu Modan, Das Erbe

Rutu Modan: Das Erbe Sebastian Hammelehle lobt die Graphic Novel Das Erbe von Rutu Modan im SPIEGEL in höchsten Tönen.
Eine ausführliche Rezension findet sich hier!

In Das Erbe steht eine alte Hinterlassenschaft in Warschau im Zentrum der Erzählung. Eine ältere Dame, die vor den Nazis aus Polen geflohen ist, kehrt mit ihrer Enkelin nach vielen Jahren zurück, um – vordergründig – Anspruch auf ein altes Erbe zu erheben. Doch sie hat mehr auf der Agenda als nur das, es ist für sie auch eine sehr persönliche Reise in die eigene Vergangenheit und zu einem Mann, den sie einst liebte.

Auf kunstvoll leichte Weise verwebt Rutu Modan gesamtgesellschaftliche mit privaten Fragen und führt so die Geschichte zurück auf die sie konstituierenden Individuen. Dabei faszinieren die starken Charaktere und ihre Geschichte, die Modan mit Humor und Warmherzigkeit erzählt.

Der Band Das Erbe erschien in diesem Jahr bei Carlsen, die 240 Seiten mit farbigen Comics kosten 24.90 EUR.

Als Wissensbuch des Jahres 2013 nominiert: Die große Transformation

9783941087231Die große Transformation ist eine Wissenschafts-Graphic Novel, die  410 Seiten trockenen Bericht in einen anschaulichen Sachcomic verwandelt. Mittlerweile ist das Buch für mehrere Preise nominiert, u.a. für das Wissensbuch des Jahres und das Umweltbuch des Jahres.

Der Klimawandel lässt sich nicht mehr leugnen, und wenn unsere Gesellschaften in fünfzig Jahren noch funktionieren sollen, müssen wir nachhaltiges Leben und Wirtschaften lernen. Dazu müssen Wissenschaft, Politik und Bürger zusammenarbeiten. Ein Rat hochkarätiger Wissenschaftler berät die Politik dazu, und damit auch wir alle mitreden können, stellt unser Band die wissenschaftlichen Kernaussagen allgemeinverständlich in Comicform vor.

In Anbetracht von Klimawandel, Artensterben und Ressourcenknappheit setzt sich immer mehr die Einsicht durch, dass wir unseren bisherigen Lebensstil nicht einfach beibehalten können. Wir müssen den Verbrauch von fossilen Brennstoffen drastisch reduzieren und ein nachhaltiges Wirtschaften lernen. Wie das gehen soll, haben neun unabhängige Wissenschaftler erarbeitet, die den von der deutschen Bundesregierung bestellten Wissenschaftlichen Beirat globale Umweltveränderungen (WBGU) bilden.

In Form von Comic-Interviews mit jedem von ihnen wird von ganz verschiedenen Seiten betrachtet, was Fakt und was zu tun ist. Denn Geo- und Klimawissenschaft, Wirtschaft und Technik, Politik und Alltagskultur müssen zusammenwirken, um die unumgängliche große Transformation zu erreichen.

Die große Transformation kostet 144 Seiten, kostet 14.95 EUR und ist erschienen bei Jacoby & Stuart.

Für weitere Informationen zum Buch und dem dahinterstehenden Projekt wurde extra eine Webseite eingerichtet.